Kunstsache

Kunsttreff im Schöneberger Kiez

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Auf keiner Vernissage sieht man sie, auf keinem Empfang, wenn alle weg sind, dann streift sie wohl manchmal durch die Ausstellungen. Selbst als Isa Genzken vor fünf Jahren den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig ausstaffierte, hatten Berichterstatter ihre liebe Not, die Künstlerin überhaupt für ein Gespräch zu gewinnen. Nun war sie auch mal mit Gerhard Richter, dem Malerstar, verheiratet, diese Fragen kann sie wahrscheinlich gar nicht mehr hören. Gerade wird Isa Genzken groß gefeiert, im New Yorker Museum of Modern Art eröffnete gestern die erste große Retrospektive der bedeutenden deutschen Künstlerin, die in Charlottenburg ihr Atelier hat. Das MoMa ist so etwas wie der Himmel für alle zeitgenössischen Künstler. Höher geht es nicht. Aber der Druck, dem man als Künstler ausgesetzt ist, ist sicher nicht ohne.

„Sie ist eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit“, schwärmt dort eine MoMA-Kuratorin. „In 40 Jahren hat sie in so vielen Stilrichtungen gearbeitet, dass man staunen muss.“ Genzken sei immer Visionärin und Vorreiterin gewesen. „Sie hat sich nie gescheut, ein Risiko einzugehen.“ Sie arbeitete mit klotzigen Betonskulpturen, dann wieder mit großen Blumenskulpturen oder wilden figürlichen Installationen. Wer ihre Werke wie beispielsweise die „Schwulen Babys“, „Fuck the Bauhaus“ oder „Urlaub“ kennt, weiß, wie gnadenlos ihr Ansatz zuweilen ist. Gut vorstellbar, dass sie auch in ihrer Arbeitsweise so radikal gegen sich selbst sein kann. Manches bleibt spröde, nicht immer gleich gut zu verstehen. Nächste Woche, am 27. November, da feiert Isa Genzken ihren 65. Geburtstag.

Und was macht Berlin? Für alle, die nicht nach New York fahren können, so dachten sich die Galeristen der Werkstattgalerie, machen wir etwas von Isa Genzken. So wird nun eine viertägige Schau eingeschoben. Schöne Idee, eine Hommage an die Künstlerin, die den Schöneberger Kiez in den Straßen rund um den Nollendorfplatz mag. Hier sind die beiden Galeristen der Künstlerin vor Jahren auch das erste Mal begegnet, man plauderte über Kunst und Künstler, wie das so ist. Und nun haben Sammler der Galerie Werke zur Verfügung gestellt, wer etwas kaufen möchte, kann offenbar verhandeln.

Achtzehn kleinformatige Arbeiten gibt es zu sehen, darunter auch den „Weltempfänger", einen kruden Betonklotz, die Antennen sind echt. Er ist zwanzig Jahre alt, und in unserer digital durchrauschten www-Welt wirkt diese Skulptur auf einmal antiquiert. Dass Beton eines ihrer Lieblingsmaterialien ist, sieht man auch am „Geweih“, eine Grauflunder mit Stacheldraht durchzogen – eine bitterböse Anspielung auf den deutschen Wald und das damit verbundene Heimatgefühl.

Nach Isa Genzken tritt einen Tag später der Fotograf Benyamin Reich in der Werkstattgalerie an. Eine interessante Biografie, die sich da ausbreitet: Er stammt aus einer orthodoxen Familie und wuchs als Sohn eines Rabbiners auf. Kein Fernsehen, kein Handy, keine öffentliche Schule. Irgendwann rasierte er die Schläfenlocken ab, ging zum Kunststudium nach Paris, seit einigen Jahren lebt er nun in Berlin.

Werkstattgalerie, Eisenacher Str. 6, Schöneberg. Mo 12-20 Uhr.

Benyamin Reich, „Deutsche Winterreise“, Eröffnung, 26.11., 19 Uhr.

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien