Film

Der Regisseur und das Mädchen

Spätes Meisterwerk: Roman Polanski hat „Venus im Pelz“ fürs Kino adaptiert

Sie kommt zu spät. Das Vorsprechen ist längst vorbei. Alle anderen sind schon gegangen. Nur der Autor, der zum ersten Mal selbst Regie führen will, sitzt noch im Theater. Will aber auch gerade los zum Date mit seiner Freundin. Was will er da mit dieser Frau, die nun noch hereinplatzt, klatschnass vom Regen draußen, ganz offensichtlich nicht die hellste, wofür nicht nur ihr ewiges Kaugummikauen spricht, sondern auch ihre allzu aufreizende Kleidung und der rüde Gossenjargon. Das Mädchen, keine Frage, ist eine Beleidigung für jede Intellektuellenseele. Aber irgendwie überredet sie den Widerstrebenden dann doch, ihr eine Chance zu geben. Und kaum spricht sie seinen Text, hält der verstimmte Autor verwundert inne. Die Dame kennt die Zeilen überraschend gut, und in der Rolle ist sie sofort eine ganz andere.

Es ist nicht irgendein Stück, das da geprobt wird. Der Mann hat „Venus im Pelz“, den Roman von Leopold Sacher-Masoch für die Bühne adaptiert, den er einen Klassiker der Weltliteratur nennt, den viele aber eher als schlüpfrigen Porno abtun und der jedenfalls den Sado-Maso-Praktiken ihren Namen gab. Um ein Abhängigkeitsverhältnis geht es, um einen Mann, der sich devot einer Frau als Sklave anbietet.

Man ahnt, was bald geschieht: Auch der Regisseur Thomas, der die junge Schauspielerin Wanda anfangs recht von oben herab behandelt, ist erst überrascht von ihrer Art, auch von der Art, wie sie seine Worte zu den ihren macht. Und schon nach kurzer Zeit ist er ihrem Zauber verfallen, mag das Handy mit der Freundin am Apparat auch noch so oft klingeln. Auch die improvisierte Probe wird zu einem Machtspiel, bei der sich das Gewicht schon bald verlagert. Die Lady trägt bald die Brille und die Jacke des Mannes und schnürt ihm ihr Hundehalsband um die Kehle. Und der Fesselung durch das Auftreten der Fremden folgt bald eine ganz sprichwörtliche Fesselung. Doch je härter die Bandagen, desto größer wird der Verdacht: Geht es der Schauspielerin womöglich gar nicht um die Rolle? Treiben sie ganz andere Pläne um, für die sie das Vorsprechen nur raffiniert zu nutzen weiß? Ein Spiel mit doppeltem Boden.

„Venus im Pelz“, das muss man an dieser Stelle vielleicht vermerken, ist keine originale Polanski-Idee. Es ist ein Stück des Amerikaners David Ives, das vor dreieinhalb Jahren am Off-Broadway uraufgeführt wurde, dann erst den Broadway eroberte und dann die Bühnen der Welt. Vor zwei Monaten erst war die deutsche Erstaufführung des Zweipersonenstücks am Berliner Renaissance-Theater zu sehen, mit Annika Mauer und Michael von Au.

Ein minimalistischer Film

Bei Polanski aber wird der doppelte Boden zu einem dreifachen. Denn neben Mathieu Amalric lässt der Altmeister seine Frau Emmanuelle Seigner die Hauptrolle spielen. Die Grundkonstellation ist also ganz die ihre: der Regisseur und die Schauspielerin. Plötzlich bekommt alles noch eine andere, zusätzliche Note. „Sind Sie das?“, fragt Wanda Thomas mehrfach in Bezug auf sein Stück. Und das mag man bei diesem Film auch Polanski und Seigner immer wieder fragen: Seid ihr das? Sieht nicht Amalric dem jungen Polanski verblüffend ähnlich? Spielt nicht Frau Seigner in seinen Filmen immer wieder die Rolle der rätselhaft-sinnlichen, irritierend gefährlichen Sirene? Und haben die beiden nicht schon vor etwas über 20 Jahren mit „Bitter Moon“ einen ganz ähnlichen Film gemacht, in dem es auch um ein fatales erotisches Abhängigkeitsverhältnis ging? Wiewohl Monsieur Polanski als auch Madame Seigner unabhängig voneinander betonen, dass sie die Welt des Sader-Masoch absolut nicht anspricht, dass sie „sehr fremd“ sei (Seigner) oder sogar „eher komisch“ (Polanski), scheint das Drama für sie doch ein Vexierspiel zu sein, scheinen sie auch mit den Spekulationen des Publikums augenzwinkernd zu spielen.

Polanskis 35. Film ist ganz minimalistisch. Seine Filme handeln ja irgendwie immer von Enge und Eingesperrtsein, von Grauen und Abgründen in den meist eigenen vier Wänden. Doch je älter er wird, desto sparsamer scheint er seine Mittel einzusetzen. Schon „Gott des Gemetzels“, sein letzter Film, war eine Bühnenadaption, die in einer einzigen Wohnung spielte, aber da prallten immerhin noch vier Personen aufeinander. Hier sind es nur noch zwei. Polanski ist dem Theater immerhin einen Schritt voraus, da er nicht nur die Bühne nutzen kann, sondern auch den Zuschauersaal, die Gänge, auch die Hinterbühne. Aber sonst verzichtet der heute 80-Jährige fast auf jeden Kinoeffekt. Er vertraut ganz den geschliffenen, gewitzten Dialogen. Und seinen vorzüglichen Darstellern.

Dass der Franzose Mathieu Almaric ein begnadeter Schauspieler ist, dass weiß man inzwischen auch in Deutschland, seit er in „Schmetterling und Taucherglocke“ als Gelähmter brillierte, der sich der Welt nur durch das Aufschlagen seiner Augenlider vermitteln konnte. Emmanuelle Seigner haben wir dagegen immer Unrecht getan. Weil wir sie lediglich als Lebensgefährtin von Roman Polanski abgetan haben, die lange nur von ihm selbst besetzt wurde (seit „Frantic“, 1988), und nicht immer in den spannendsten, wiewohl stets aufreizenden Rollen. Inzwischen ist sie auch in Dramen wie der Piaf-Verfilmung „La vie en rose“ zu sehen, im Francois-Ozon-Film „In ihrem Haus“ oder auch in „Schmetterling und Taucherglocke“, an der Seite Amalrics. Jener Film war ganz seiner, in der sie nur die duldsame Frau an seiner Seite geben konnte. „Venus im Pelz“ aber ist ein Kraftakt, ein schauspielerisches Duell. Und vielleicht das größte Geschenk, das Polanski seiner Muse je gemacht hat.