Ausstellung

Clubsessel und Kinderbetten mit Schaukelstuhl

Eine Ausstellung in Potsdam zeigt alternatives, junges Design

Noch genau erinnern wir uns an diesen Tag in den Neunzigern, als Design in unseren Alltag einzog. Alle wollten damals diese hochglänzende Spinne, die aussah wie eine abgekupferte Skulptur von Louise Bourgeois, entsprechend werthaltig wurde sie in der Küche platziert. Der Designer hieß Philipp Stark, man feierte ihn wie einen Popstar. Die Spinne war eine Zitruspresse, mit der man einiges tun konnte, nur eben keine mediterranen Früchte ausdrücken.

Wie sieht Design heute aus, muss/soll es praktische Funktionen erfüllen, gibt es Grenzen zur Kunst? Da steht auf einem Sockel der pinkfarbene Hocker mit Stacheln, hinsetzen kann man sich kaum, es sei denn, man ist Fakir. Kreiert als hippes Clubmöbel von Torsten Nein, der möchte zeigen, dass man bei Rave immer in Bewegung ist, sich nur „sporadisch niederlässt“. „Acid House“ heißt sein Label. „Süße Beschwerde“ von Bea Seggering sind Schaumküsse, allerdings aus Beton. In ihrer seriellen Reihung sehen sie aus wie minimale Skulpturen.

Um diese Fragen und Themen kreist „Geblüt“, die Designausstellung in der Villa Schöningen. Wenn man so will, ist es eine Jubiläumsschau: Im Mittelpunkt stehen 33 Design-Absolventen der Fachhochschule Potsdam, die in den letzten 20 Jahren ihren Abschluss gemacht haben. Parallel dazu eröffnen heute die „Designtage Brandenburg“. Es gibt eine Diskussion zum „Open design“. So erhält man einen Überblick über „made in Potsdam“, schließlich will man sich abgrenzen von der nahen Hauptstadt.

Was sind die Trends – außer Retro? „Heute wird handwerkliche Qualität stärker sichtbar gemacht“, sagt Hermann Weizenegger, Professor für Produktdesign. „Das hat sicher damit zu tun, dass wir zunehmend an unseren Computern vor glatten Oberflächen sitzen. Zudem gibt es eine Sehnsucht, sich von anonymen Massenproduktionen abzugrenzen.“ Das sieht Jungdesigner Jakob Blazejczak von Rejon genauso. „Nach all den Krisen gibt es eine Rückbesinnung auf das, was wir haben an Ressourcen.“ Neben der rasanten Entwicklung in der Technologie sei die Natur wieder ein Bezugspunkt. Früher sei es üblich gewesen, dass Absolventen in der Industrie arbeiten, heute basteln sie an alternativem Design und sind zugleich ihre eigenen Hersteller.

So wie Jakob Dannenfeldt und Sina Gwosdzik, das Paar arbeitet unter dem schwedischen Städtenamen „jäll & tofta“. Sie haben sich „an der Kreissäge“ kennengelernt, zwei Kinder bekommen und sind beim mitwachsenden Kinderbett gelandet. Das sieht gut aus, weiß, mit Wölkchen. Es wippt und hat einen integrierten Schaukelstuhl für müde Eltern. Kosten: 1200 Euro. Menschen mit „Designbuden“ leisten sich eben etwas fürs Kinderzimmer. Apropos: die Zitronen-Spinne haben wir schweren Herzens entsorgt.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam. Eröffnung: Do, 19 Uhr. Do/Fr 11-18 Uhr. Sa/So 10-18 Uhr. Bis 16. 2.