Inszenierung

Heimatabende im Gorki-Theater

Die neuen Intendanten sind mit zwei Stücken gestartet – ein vielversprechendes Premierenwochenende

In Wahrheit ist Heimat ja deutsch. Zumindest das Wort. So deutsch nämlich, dass Sprachwissenschaftler es für unübersetzbar halten. Aber Theater könnte diese Leistung übernehmen. Das Maxim Gorki Theater präsentierte sich am Wochenende jedenfalls als der dafür passende Ort.

Mit Tschechows „Kirschgarten“ und der Romanadaption „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zeigte das Haus die ersten Produktionen unter den neuen Intendanten Shermin Langhoff und Jens Hillje. Heimat geriet dabei zum Zentralbegriff. Schließlich ist eine fast komplett neue Truppe angetreten, um sich diesen Ort, der die vergangenen sieben Spielzeiten der des schaffenswütigen Armin Petras war, neu zu erobern. Fast alle von ihnen haben ein mindestens ambivalentes Verhältnis zum Heimatbegriff, denn ein Großteil, inklusive der Intendantin, hat das, was man leicht verdruckst einen migrantischen Hintergrund nennt. Und schließlich sind sie es, die dem so genannten postmigrantischen Theater im Ballhaus Naunynstraße größeres Gehör verschafften. Nurkan Erpulats Erfolgsstück „Verrücktes Blut“ bekam sogar eine Einladung zum Theatertreffen.

Er ist es auch, der als neuer Gorki-Hausregisseur am Eröffnungsabend Tschechows „Kirschgarten“ inszenierte. Ein zum Anlass ziemlich passendes Stück, die Geschichte einer Gesellschaft im Wandel. Aufgezeigt an der adeligen Gutsbesitzerin Ranewskaja (Ruth Reinecke), die, inzwischen verarmt, Teile ihres Guts verkaufen muss. Ihr geliebter Kirschgarten kommt unter den Hammer. Gekauft wird er ausgerechnet von Lopachin (Taner Şahintürk), dessen Vorfahren noch Leibeigene der Ranewskaja-Familie waren.

Tief verschleierte Pianistin

Er hat die Zeichen der Zeit verstanden, ist zu Geld gekommen und fest entschlossen, in dieser neuen Zeit sein Glück zu machen. Er hat kapiert, dass Heimat anfällig ist für Veränderungen. Doch Nurkan Erpulat belässt es nicht dabei, er holzt eine ziemlich programmatische Schneise in den Tschechow-Kirschgarten. Da spielt gleich zu Beginn eine tief verschleierte Pianistin deutsches Liedgut und in „Am Brunnen vor dem Tore“ mischen sich im Laufe des Abends zunehmend orientalische Modulationen unter den Lindenbaum. Tolle Idee. Aber es referieren auch Darsteller aus ihrer eigenen Lebensgeschichte, zum Transvestiten-Bauchtanz von Fatma Souad läuft Aretha Franklins „Respect“ und unter dem Sichelmond träumt man von einem „Land, das aufhört zu existieren, wenn es nicht mehr gedacht wird.“ Das ist dann doch reichlich dicke. Zumal auch noch die Bühnenrückwand eingerissen wird und unter der Tapete mit den gorkitypischen Rauten diverse Übermalungen zum Vorschein kommen.

Ja, die Inszenierung hat ihre Momente, aber am Ende des Abends hat Nurkan Erpulat den „Kirschgarten“ dann doch eher zu Kleinholz zerlegt, zündet ein Freudenfeuerchen an und arrangiert drum herum ein ausschweifendes türkisches Fest. Mit Ayran. Ohne Kirschen.

Wie viel subtiler geht da am nächsten Tag die israelische Theatermacherin Yael Ronen zu Werke. Weder Kirsch- noch Lindenbäume, dafür aber eine gigantische Birke längs auf der Bühne, die bis ins Publikum ragt. „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist ein ganz wunderbarer Roman der in Baku geborenen Olga Grjasnowa. Das mit den Birken, das hat sie übrigens bei Tschechow gemopst, aus den „Drei Schwestern“. Bei Yael Ronen, die den Text nicht nur inszenierte, sondern überhaupt erstmals bühnentauglich bearbeitete, liegt dieses umgekippte, abgeholzte Stück Heimat so dominant auf der Bühne, dass keiner umhin kann, sich damit zu arrangieren, ausweichen geht nicht. Obwohl das der Protagonistin Mascha (Anastasia Gubareva) vermutlich das Liebste wäre. Eine jüdische Aserbaidschanerin, die in Frankfurt lebt, schließlich in Israel landet, was soll die schon mit der Kategorie Heimat anfangen. Sie ist eine durch Grenzgänge Versehrte, eine, die nicht an Identitäten, nicht an Nationen glaubt. Und schon gar nicht an die Liebe, nachdem ihr Freund Elias gerade gestorben ist.

Regisseurin Ronen arrangiert daraus ein verdichtetes Sprechstück, das zunächst noch etwas nacherzählend daher kommt, aber über die genau beobachteten Figuren einen Sog entwickelt, der angenehmerweise komplett antifolkloristisch ist. Mit Maschas Kumpel Cem (Dimitrij Schaad), einem schwulen Türken, hat sie zudem klug eine Art singenden Erzähler eingebaut, der die Geschichte mit umgehängter Gitarre so begleitet und kommentiert, dass sie fast märchenhafte Züge bekommt. Wäre da nicht die Wahrheit der Entwurzelten. Einmal, da ist Mascha schon in Israel, fragt Cem sie, ob es nicht Zeit sei, nach Hause zu kommen. Sie darauf: „Wo soll das bitte sein?“

Überambitionierter „Kirschgarten“ meets modernes Migranten-Mädchen, um dem Publikum mit sehr frischer, sehr eigenwilliger Handschrift einen reizvollen Heimat- und Sachunterricht zu verabreichen, das also ist die Bilanz des ersten großen Premieren-Wochenendes des Gorki. Nun machen zwei Premieren noch keine Saison, aber vielleicht zeigen die beiden Inszenierungen bei aller Unterschiedlichkeit doch erste Linien auf. Drei Thesen seien gewagt: Wir werden gerade an diesem Haus viel über Deutschland lernen. Weil das heimische Kulturgut die perfekte, wenn vielleicht auch nicht immer angenehme, Projektionsfläche für interkulturelle Anliegen ist. Wir werden hier zweitens neue aufregende Schauspieler zu entdecken haben, wie etwa Taner Şahintürk als Lopachin oder Dimitrij Schaad, dessen musizierender Cem Yael Ronens Inszenierung feine Ironie und Poesie spendiert. Drittens schließlich könnte Musik an diesem Haus zum identitätsstiftenden Stilmittel werden. Das hat in beiden Inszenierungen gut funktioniert.

So gesehen war das ein viel versprechender Anfang und es könnte dem neuen Gorki gelingen, was den Sprachwissenschaftlern verwehrt bleibt, Heimat mit den Mitteln des Theaters tatsächlich zu übersetzen, sogar in den Plural. Es könnte dies ein Haus der Vielfalt der Heimaten werden und dann vielleicht bald auch neue Theaterheimat für viele.

„Der Kirschgarten“ läuft wieder am 19. November, „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ am 20. November. Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Kartentel. 20 221 115