Geschichte

Vorwärts und nicht vergessen

Das neue Museum in der Kulturbrauerei startet mit einer Dauerausstellung über den „Alltag in der DDR“. So viel Osten war noch nie

„Auszusetzen sind eigentlich Mängel“, stellt die ältere Dame fest. In ihre Wohnung regne es rein, weil der „Großplattenbau“ nicht verfugt wurde. Und überhaupt macht es „sich nachteilig bemerkbar“, dass die Küche so „winzig“ sei. „Die Kleinheit ist unerträglich“, sagt sie noch und dann endet das Filmchen aus dem Jahr 1978. Es ist eine Dokumentation aus einem Neubau aus einer namenlosen Stadt in der DDR und Teil der Ausstellung „Alltag in der DDR“, die am Sonnabend im neuen Museum in der Kulturbrauerei eröffnet.

Vier Themen behandele die Ausstellung, erzählt Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, „Herrschaft und Alltag“, das „Kollektiv und der Einzelne“, „Konsum und Mangel“, „Rückzug und Aufbruch“. Er betont überraschend oft, dass man den Alltag in der DDR nicht unabhängig von der Politik darstellen könne – dabei ist das doch ziemlich offensichtlich. Spätestens seit der Bildung des Staatswesens ist das Leben eines Bürgers automatisch auch politisch. Wenn spätere Generationen die Lust an Museen nicht verlieren sollten, wird auch unser Leben als Teil eines individualistischen, kapitalistischen Systems verstanden werden– wie auch sonst?

Wie dem auch sei, das Interesse am „normalen“ Dasein in der DDR erlebt einen auffälligen Aufschwung. Allein in diesem Herbst sind zwei dicke Bildbände erschienen: Jens Kegel zeigt in „Leben in Ost-Berlin“ 1000 Bilder aus Archiven der Bildagenturen (Morgenpost vom 9.10.2013). In dem Band „Farbe für die Republik“, erschienen bei Quadriga, werden die Bilder von Martin Schmidt gezeigt, die ambitionierte, lebensfrohe Menschen im Kombinat und in ihrer Freizeit zeigen. Es sind Propagandabilder, bei der man die Stimme des Fotografen zu hören meint, wie er Anweisungen gibt („und jetzt in die Ferne blicken. Lächeln!“). Interessant an ihnen ist, dass sich trotz des Aufwandes an den Rändern mancher Bilder erkennen lässt, wie elend die Verhältnisse tatsächlich waren. Auch in der jüngeren Literatur erinnert man sich: Jochen Schmidt beschreibt in „Schneckenmühle“ die Wochen im Zeltlager, als er 14 Jahre alt war; die (deutlich jüngere) Andrea Hanna Hünniger stellt in „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“ ein wenig hilflos fest: „Für die DDR haben wir noch keine Sprache, keine Begriffe gefunden.“

Und so nähert man sich diesem rätselhaften Gebilde, der Deutschen Demokratischen Republik, wie der Ethnologe einem interessanten Stamm der Aborigines. Zum einen setzt man einen aufmunternden Blick auf, „ach, so haben die also gelebt, wie putzig“, aber auch streng, denn die DDR war ja ein Regime, das weder Bewohner noch Umwelt schonte, um im Klassenkampf siegreich zu bestehen.

Die Ausstellung in der Kulturbrauerei erinnert an die Slogans „Planerfüllung– unsere Pflicht! Planüberbietung – unsere Ehre“, zeigt Mode aus den sechziger Jahren, ein Plakat vor einem heruntergekommenen Haus „Wo Häuser verkommen, verkommen auch Menschen!“ und eine Erfindung, die sich nicht ganz auf dem Weltmarkt durchsetzen konnte, nämlich ein Campingzelt, dass man auf den Dach eines Trabants errichten konnte und bis zu 250 Kilogramm Menschengewicht aushalten soll. Wir sehen einen vergammelten Rasenmäher und Bilder von jungen Pionieren und erfahren aus einem Dokumentionsfilm, dass Getränke in einer DDR-Kneipe variierten, je nachdem, ob der Gast bedient wurde oder nicht und wie sich eine Rentnerin über den Dreck aus Schornsteinen beschwert, der die frisch aufgehängte Wäsche sofort wieder verpestet.

Wir sehen aber auch einen echten Trabant, und wir sehen einen Kiosk, an dem sehr ähnliche Schlagzeilen verschiedener Zeitungen eines Tages abgebildet werden, und das kommt einem doch bekannt vor. Im DDR-Museum, nicht weit entfernt in Mitte, kann sich der Besucher in einen Trabant 601 setzen und auch dort kann man sich über sechs Tageszeitungen amüsieren, die allesamt aus den Worten „Erich Honecker“, „Bettino Craxi“ (früherer italienischer Ministerpräsident) „begrüßen“ und „herzlich“ ihre Schlagzeilen bildeten. Kurzum, es gibt bereits eine Institution, die sich exakt dem gleichen Thema und in der Aufmachung vergleichbar widmet. Nur ist das eine kommerziell betrieben und kostet sechs Euro Eintritt, während die Ausstellung des Anderen mit 1,1 Millionen Euro staatlich gefördert wird und keinen Eintritt kostet.

Mit dem Subsidiaritätsprinzip, nachdem sich der Staat immer dann nicht engagieren sollte, wenn ein privater Unternehmer die Aufgabe gleich gut übernehmen kann, hat das nichts mehr zu tun. Eine halbe Million Besucher zählt das DDR-Museum, es zählt zu den zehn am besten besuchten Museen der Stadt, es ist gut gemacht. Präsident Hütter – auf die Konkurrenz zum DDR-Museum angesprochen – verweist drauf, dass das Museum in der Kulturbrauerei den DDR-Alltag „tiefgreifend“ darstelle. Vielleicht war das nicht als Seitenhieb gemeint. Aber man konnte es so verstehen.

Museum in der Kulturbrauerei, Knaackstrasse 97: Alltag in der DDR, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, Eintritt frei