Klassik-Kritik

Das Publikum singt ein Ständchen für Barenboim

Der Stardirigent hat Geburtstag und Lang Lang gratuliert

Nanu – ein Geburtstagsständchen für den Maestro? Lang Lang hebt es in strahlendem C-Dur aus den Tasten. „Happy Birthday, lieber Daniel“, singt die überfüllte Philharmonie mit. Barenboim wehrt entschieden ab. Tut so, als sei das völlig fehl am Platze. Dabei hat er am 15. November wirklich Geburtstag.

Rund 40 Jahre musikalische Erfahrung besitzt Barenboim dem chinesischen Virtuosen-Wunder voraus. Manchmal trennt beide Musiker sogar ein ganzes Jahrhundert. Und dennoch: Barenboim hält nach wie vor größte Stücke auf Lang Lang, den grazilen Entertainer, der in Mozarts gewichtigem c-Moll-Klavierkonzert KV 491 umgehend elfengleiche Sphären ansteuert. Eigentlich ist das kein Mozart mehr. Es ist Chopin. Dargeboten in anmutigster Schönheit, unterstützt von fantasievollem Finger-Luftballett und schlängelnden Körperwindungen. Wenn die Staatskapelle von Zeit zu Zeit die Führung beansprucht, taucht der Chinese in hauchende Pianissimi ab. Für ein paar Minuten mag man aus dem Staunen kaum herauskommen: Bei Lang Lang sieht Klavierspielen nie nach Arbeit aus, immer nur nach reinem Vergnügen. Doch dann wird es langsam langweilig. Denn dieser Mozart bleibt bis zum Ende supersoft und zuckerwattig. Irgendwann beginnt er zu kleben und zu kitschen.

Und Rachmaninoffs Zweites Klavierkonzert, ebenfalls in c-Moll? Es hätte der Knaller des Abends werden können. Es ist eines der wenigen Klavierkonzerte, die Lang Lang uneingeschränkt liegen. Doch bei der Staatskappelle und Barenboim verhält es sich genau anders herum: Sie bewegen sich auf unbekanntem Terrain, schwanken auf unsicherem Neuland. Lang Lang gibt im Kopfsatz derweil sein Bestes. Krachend stürzt er seinen Körper in den Steinway, wirbelt heftig über die Tastatur, reitet in schwindelnde Höhen. Das Instrument ächzt unter seinen scharfen Attacken. Die Staatskapelle vermag dem munterflinken Chinesen gerade eben noch zu folgen. Rachmaninoff-Fans müssen an diesem Abend ganz stark sein. Kein Zweifel, dass der Maestro für Schuberts h-Moll-Sinfonie zu Konzertbeginn ungleich mehr übrig hat. Hier zelebriert er große Kunst. Hier weht seine hohe Meinung aus jeder Note. Altersmild und behaglich prangt Schubert auf dem tiefromantischen Sofa. Visionär raunen die Streicher in der Einleitung. Sahnig süß entweicht die berühmte Cellokantilene des Seitensatzes. In der Durchführung türmen sich die Klangflächen in bester Bruckner-Manier.

Man könnte Schubert ganz anders spielen: frischer, offener, vitaler, drängender. Barenboim, der jetzt 71jährige Maestro, riegelt das Werk hermetisch ab. Man muss ihm dafür wohl dankbar sein. Denn einen solchen aus der Zeit gefallenen Schubert, eine solche überreife, vollendete „Unvollendete“ – das traut sich außer Barenboim heutzutage kaum ein Dirigent mehr.