Novelle

Maxim Biller lässt Thomas Mann durch Galizien spuken

Ein Mann sitzt in seinem Keller und schreibt einen Brief. „Sehr verehrter, hochgeschätzter, lieber Herr Mann“, schreibt er, in seinem Städtchen sei vor drei Wochen jemand aufgetaucht, der sich als Thomas Mann ausgebe.

Aber das könne nicht sein, die Kleidung des Mannes sei abgetragen, ihn umwehe ein starker Körpergeruch, die Geschichten, die er erzähle, seien alle nicht glaubwürdig. Außerdem: Was sollte Thomas Mann, Nobelpreisträger, in 37 Sprachen übersetzt, dazu bewegen, nach Drohobycz zu kommen, in ein galizisches Kaff?

Der Mann, der diesen Brief schreibt, ist Bruno Schulz, auch er Schriftsteller, auch er weltberühmt, allerdings hat er das nicht zu seinen Lebzeiten geschafft, sondern erst lange nach seinem Tod, 1942 schoss ihn der deutsche Gestapomann Karl Günther auf offener Straße tot. Schulz hatte es versäumt, wegzukommen, nicht einmal nach Warschau hatte er es geschafft, zu ängstlich, zu sehr in sich vergraben, zu ungeschickt. Noch aber ist keine Gefahr, es ist November 1938, die Deutschen, sagt er sich, werden nicht kommen, so dumm werden sie nicht sein, nach Polen einzumarschieren und den Krieg zu riskieren. Der einzige Deutsche, der für Unruhe sorgt, ist Thomas Mann. Oder ein Hochstapler, der sich als Thomas Mann ausgibt. Vielleicht ist er aber auch nur eine der Visionen, die im Kopf des Bruno Schulz spuken, wer weiß das schon, das Provinzdasein macht alle in Drohobycz ängstlich und verrückt.

Der Mann, der den armen Schulz seinen Brief an Thomas Mann schreiben lässt, ist Maxim Biller, immer noch nicht weltberühmt, dabei müsste er es sein, es gibt nicht sehr viele, die so makellose Prosa schreiben, je öfter man sich in sie stürzt, je genauer man sich in ihr umsieht, desto makelloser wird sie, man könnte beinahe Angst vor dieser Prosa bekommen, so leicht ist es ihr immer gefallen, sich mit allem vollzusaugen, dem Schmerz, dem Witz, der Liebe, der Bitternis, der Moral. „Im Kopf des Bruno Schulz“, Maxim Billers neue Novelle, ist so virtuos, dass man sie kaum erträgt; wie kann eine Erzählung, die geradewegs ins Herz der Dunkelheit geht, so elegant sein?

Maxim Biller Im Kopf von Bruno Schulz. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 80 Seiten, 16,99 Euro