Buch

Lust auf ein unordentliches Leben

Chaostheorie für Frauen: Die New Yorkerin Katie Roiphe hält ein Plädoyer für die unaufgeräumte Beziehung

Die Unordnung der Dinge hat heute ihren eigenen Reiz. Welche Frau würde noch ein aufgeräumtes Leben wollen, wenn sie auch ein unaufgeräumtes haben kann? Es scheint doch um einiges wilder, strahlender, erfüllender zuzugehen in einem Leben, das sich nicht in die Strukturen eines Bauplans fügt, sondern alle Möglichkeiten gleichermaßen zulässt: verschiedene Männer, Arbeit in unterschiedlichen Städten, Kinder, auch als Alleinerziehende, Ehen, kürzere und längere Affären. Es muss im Leben doch mehr als alles geben! Der Typus der Frau, die sich in einer beständigen Auseinandersetzung mit sich selbst befindet, ist eines der eigenartigsten Phänomene, das die Debatten um Rollenbilder in den letzten ein, zwei Jahren hervorgebracht haben.

Verunsicherte Männer

Die wiederkehrenden Probleme: jüngere Frauen, die alleine leben, aber sich nach Mann und Familie sehnen, ohne ihre Unabhängigkeit ablegen zu wollen wie hohe Schuhe für Trekkingsandalen, so hatten es die Schriftstellerin Hannah Close oder die Journalistin Hadley Freeman geschildert; sexuelle Fantasien von Kontrollverlust und Hingabe, die mit romantischen, naiven zusammenfallen, ein Beispiel war der Bestseller „Shades of Grey“, wie ihn die Soziologin Eva Illouz deutete; über sich und ihre Rolle verunsicherte, schwächelnde Männer, die Hannah Roisin in ihrem Thesenstück „The End of Men“ zeichnete. Zuletzt wirkten diese Felder etwas abgegrast, jedenfalls karg und unergiebig für die Theorie. Irgendwann schien es nicht mehr ausfüllend, über die Suche nach Männern, Kindern, Sinn zu lesen, selbst dann, wenn einem die zugrunde liegenden Fragen vertraut waren.

In Amerika hat sich in die Diskussionen immer wieder mit klaren, scharfen Worten Katie Roiphe eingeschaltet, eine Literaturwissenschaftlerin, die an der New York University unterrichtet und für die „New York Times“, den „New Yorker“, „Slate“ und „Vogue“ schreibt; man hörte ihr zu, auch aus Gründen, die jenseits ihrer Bücher über Angst und Feminismus oder Sex und Moral liegen: Katie Roiphe ist die Tochter der feministischen Autorin Anne Roiphe, einer unabhängigen Frau, die in den frühen Sechzigerjahren in Manhattan zwischen Künstlern und Intellektuellen so lebte, dass es heute fast wie eine durchromantisierte Fantasie klingt: Martinis zum Mittag auf der Upper East Side, rauchige Dichterkneipen an der Columbia, Partys von einflussreichen Magazinmachern, neben Männern wie Henry Miller auf dem Sofa, vielleicht auch später im Bett. Irgendwann, so schreibt Anne Roiphe es in „Art and Madness“, ihren kürzlich erschienenen Memoiren, hätte sie beschlossen, ihren Ehemann zu verlassen – zu viel Alkohol, zu viele Affären, zu wenig Interesse an ihr – und allein zu leben, auch wenn sie bereits ein kleines Kind hatte.

Ihre Tochter Katie Roiphe ist Eigenständigkeit gewöhnt. Zum ersten Mal habe sie über den „perversen Reiz“ von Chaos und Unordnung als Grundwert im Leben nachgedacht, als sie noch einmal die Faszination der Wildheiten der Sechzigerjahre ergründen wollte, schreibt Katie Roiphe nun in „Unaufgeräumte Leben“, einer Sammlung von Essays, Artikeln und Kommentaren, die in den letzten zwei Jahren in Amerika erschienen sind: Was bedeutet unsere Begeisterung für „hitzig-melancholische Seitensprünge“, „Cocktails trinkende Schwangere“, „besoffen über ihrem Schreibtisch einschlafende Männer“, wie sie etwa in „Mad Men“ vorkommen; was erklärt den Charme jenes „eindrucksvoll selbstzerstörerischen Verhaltens“; was sagt die Sehnsucht über unsere Gegenwart?

Um sie herum, schreibt Roiphe, in eigentlich progressiven New Yorker Kreisen, herrsche ein Provinzialismus, der sich vor allem im hysterischen Umgang mit Gesundheit zeige, einer auf dauernde Verbesserung ausgerichteten Kontrolle des eigenen Wohlbefindens. Heutzutage stecke man seine Energie statt in lange Nächste allenfalls in Dinnerpartys – und die endeten nicht in Eskapaden, sondern mit zerkochtem Zitronenblüten-Risotto, am Morgen gehe es dann zur Paartherapie; wenn wild, dann maßvoll und geplant.

Perfektion im Unperfekten

Roiphe wird noch deutlicher, wenn es um die Eigenerwartung von Frauen geht. Frauen sollten sich nun endlich davon verabschieden, eine ideale Ausgewogenheit in ihren Beziehungen herstellen zu können, zu ihren Männern und zu ihren Kindern. Wir haben, argumentiert sie, die Vorstellung, jede mögliche Welt kontrollieren zu können, um sie zu einer perfekten zu machen. Roiphe selbst, so schreibt sie am Anfang des Buches, lebt allein, sie hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern.

Katie Roiphe: Messy Lives. Für ein unaufgeräumtes Leben. Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann. Ullstein, Berlin, 233 Seiten, 18 Euro