Roman

Das trostlose Leben eines amerikanischen Literaturprofessors

In diesem Buch glitzert und funkelt zunächst nichts. Und wer ist dieser Held, dem wir auf 350 Seiten folgen?

Ein puritanischer Durchschnittsmensch, ein schwacher und zugleich unkorrumpierbarer Farmerssohn, der es dank der Liebe zur Literatur zum Professor an einer amerikanischen Provinz-Uni schafft. Der Schriftsteller John Williams (1922-1994), selbst ehemaliger Literaturprofessor, schürt keine falschen Erwartungen. Gleich zu Beginn seines Romans „Stoner“ wirft er dem Leser den unspektakulären Plot vor die Füße: „William Stoner begann 1910, im Alter von 19 Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor in Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1956 unterrichten sollte.“ Es geht in diesem Buch also um nichts weniger als das Leben. Dieses dokumentiert streng, zurückhaltend, präzise und bar jeder Betulichkeit der erstmals 1965 erschienene, geheime Klassiker der US-Literatur. Auf wundersame Weise avancierte er vor einigen Jahren in den USA und später in einigen Ländern Europas doch zu einem Bestseller; jetzt liegt er auf Deutsch vor.

Stoner wird von der Umwelt erdrückt, seine Frau hasst ihn, sie entzieht ihm auf perfide Weise die Nähe zu seiner geliebten Tochter (die dann als Erwachsene an der Flasche hängt), Intrigen in der Uni lassen ihn immer weiter in die Welt der Literatur tauchen. Und dann endlich die aufrichtige, nicht nur von Lust getriebene Liebe zu einer jungen Doktorandin. Sie muss zerbrechen, will Stoner nicht die Karriere aufs Spiel setzen. Einmal heißt es: „Er trat aus dem Büro ins Dunkel des langen Flurs und ging mit schwerem Schritt ins Sonnenlicht, in die offene Welt, die für ihn ein Gefängnis war, wohin er sich auch wandte.“ Gefangen liest man solche Sätze.

John Williams Stoner. dtv, 352 Seiten, 19,90 Euro