Raubkunst

Kunstschatz wird öffentlich

Nachdem die Behörden die Aufklärung um die Gurlitt-Bilder verschleppt haben, hat sich nun die Bundesregierung eingeschaltet

Die Bundesregierung hat den Fall Gurlitt übernommen. In den letzten Tagen häufte sich auch international die Kritik an der Herangehensweise im Umgang mit der Raubkunst, vor allem an der Informationspolitik der bayerischen Behörden. Eine mindestens sechsköpfige Taskforce wird nun eingesetzt, um die Herkunft der einzelnen Werke aus dem Münchner Apartment des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt zu untersuchen. Auch der erste Schritt zur Veröffentlichung der Bilder ist getan: 25 Werke mit „dringenden Verdachtsmomenten aus NS-verfolgungsbedingten Entziehungshintergrund“ werden auf „lostart.de“, der Koordinierungsstelle in Magdeburg, eingestellt. Diese Institution beschäftigt sich mit der Herkunft und wechselnden Besitzerverhältnissen von Kunstwerken.

So „rasch und so transparent wie möglich“ will man nun vorgehen, gab die Bundesregierung zusammen mit ihrem Kulturstaatsminister und der bayerischen Landesregierung in einer zweiseitigen Erklärung bekannt. Beide vereinbarten, dass die Provenienzrecherche „parallel zum Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Augsburg“ laufen wird. In Berlin, an der Freien Universität sitzt die Forschungsstelle „Entartete Kunst“, dort soll das Projekt koordiniert werden. Man wolle das „Know How“ aller Institutionen bündeln, heißt es. Ein Seitenhieb auf die Münchner Behörden, die seit eineinhalb Jahren mit dem Fall Gurlitt beschäftigt sind, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wer die Datenbank anklickt, sieht einen großen Auftritt der Kunstgeschichte im Kleinformat: Marc Chagall, Honoré Daumier, Otto Dix, Conrad Felixmüller, Max Liebermann, Henri Matisse. Dabei handelt es sich um drei Gemälde und 22 kleinere, zum Teil fragile, verschwommene Arbeiten auf Papier, also Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik. Einige der Künstler wie Wilhelm Lachnit und Otto Griebel kamen aus Dresden. Aus der Stadt, in der Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt, bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs als privilegierter Kunsthändler der Nationalsozialisten aktiv war.

Nach Kenntnis der Bundesregierung haben rund ein Drittel der 1400 aufgefundenen Werke „keinen Bezug zur sogenannten ,Entarteten Kunst’“. 970 Werke müssen jetzt überprüft werden, 380 sind dem Bereich „Entartete Kunst“ zuzuordnen. Bei den verbleibenden 590 Werken wird zu recherchieren sein, ob ein durch die Nazis verfolgungsbedingter Entzug vorliegt. Der auf die Rückgabe von NS-Raubkunst spezialisierte Berliner Anwalt Matthias Druba meldete sich zu Wort und sagte, die Veröffentlichung im Internet sei immerhin ein erster Schritt, um Ansprüche ehemaliger Besitzer zu ermöglichen.

Der Druck zu handeln, verschärfte sich in den letzen Tagen. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald S. Lauder, kritisierte in der „Welt“, dass „wertvolle Zeit vergeudet worden sei. Weder die möglichen Anspruchsberechtigten noch etwaige Zeugen im Rückgabeverfahren werden jünger“, sagte er. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) betonte die Pflicht zur Aufklärung. „Wir sollten die Sensibilität des Themas in der Welt nicht unterschätzen.“ Er warnte vor einem Schaden für Deutschlands Ansehen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Vertrauen verspielen, das in langen Jahrzehnten aufgebaut wurde.“