Pop-Kritik

Ein kleiner Mann will die ganz große Show

Woodkid mit Filmorchester Babelsberg im Tempodrom

Musiker und Filmemacher ist der 30-jährige Lyoner, der als Woodkid bekannt wurde. Was würde da also besser passen, als ein Konzert mit dem Filmorchester Babelsberg zu organisieren, hat sich bestimmt irgendein Musikstratege gefragt. Dann wurde wahrscheinlich hin- und hertelefoniert. Dem Orchester wurden die Noten zugeschickt und am Nachmittag, kurz vorm Konzert im Tempodrom, haben sie einmal zusammen geprobt. Vielleicht tut man Woodkid und dem Orchester jetzt aber auch Unrecht. Vielleicht kennen die sich schon ewig.

Jedenfalls ist das Konzert ausverkauft. Die Damen und Herren vom Filmorchester sitzen schon seit einer halben Stunde auf der Bühne ehe Woodkid kommt. Ihre Instrumente müssen sich akklimatisieren. Geigen, Kontrabässe, Blechbläser und Streicher. Es ist wahnsinnig heiß und das flatternde Tuten einer Tuba eröffnet den Abend. Auf einen Vorhang projiziert sehen wir den weißen Stein einer animierten Kathedrale. Und immer wieder das Tuten. Ein langgezogenes, bauchiges Geräusch aus den tiefsten Tiefen der Blechblasinstrumente. Wie klein dieser Woodkid doch ist. Er heißt ja eigentlich Yoann Lemoine. Weil er eine 7/8-Hose trägt und sehr große, klobige Turnschuhe, sieht er noch kleiner aus, als er eigentlich ist. Gedanken an der Herr der Ringe kommen auf.

Woodkids Musik hat tatsächlich etwas von den epischen Landschaftsbeschreibungen aus der „Ring“-Trilogie, von dieser Urgewalt. Die Streicher setzen ein. Ein Kammerflimmern ist das. Hoch und immer höher. Dann Stille. Das Tuten leitet die Klaviermelodie ein. „Baltimore’s Fireflies“. Woodkid bedient sich einer fast altertümlichen Naturlyrik. Es geht um Glühwürmchen, um die Bucht vor Baltimore, die im Dunkeln liegt, einer ertränkt sich dort, und langsam geht die Sonne wieder auf. Das wirkt heute kryptisch, aber früher dichtete man so. Szenisches Musizieren ist das. Ohne Rhythmus. Nur Klavier und Streicher. Das letzte Mal, das war vor zwei Jahre, spielte Woodkid im Festsaal Kreuzberg. Inzwischen gibt es den Festsaal nicht mehr, und Woodkid ist größer geworden. Innerhalb von zwei Jahren verzehnfachte er die Zuhörer in Berlin. Für die Herbst-Winter-Kollektion von Dior 2012/2013 wurde sein Song „Iron“ benutzt. Castorf spielte das gleiche Stück in einer Inszenierung von „Das Duell“ an der Volksbühne. Woodkid ist nicht nur erfolgreicher Musiker. Für Lana Del Reys Video zu „Born to Die“ führte er Regie, ebenso für „Blue Jeans“. Für Katy Perry verfilmte er ihren „Teenage Dream“ und für Taylor Swift „Back to December“.

Wahrscheinlich ist das Woodkids größtes Problem an diesem Abend. Er will einen Blockbuster abliefern. Ein bildgewaltiges Riesen-Ding. Übermächtig, grollend, alles andere bedeutungslos machen. Am besten aber ist Woodkid, wenn er ganz klein und verwundbar ist. Wenn er fragt, wo die Mädchen sind, und dann noch fragt, wo die Jungen sind, weil er ja auf Jungs steht. Und wenn er dann „Brooklyn“ ganz reduziert spielt. Nicht von irgendwelchen Naturereignissen singt, die so unglaublich wie das Auge von Sauron sind, wie in „Iron“, sondern er einfach nur mit dieser teddytiefen Stimme vorträgt, wie er Platten in Williamsburg kauft, vor Coney Island eine Meerjungfrau trifft und am Independence Day das Feuerwerk genießt, dann ist Woodkid gut. Die Miniatur steht ihm viel besser als die Megalomanie.

Natürlich gibt er sich der trotzdem hin und spielt sein „Iron“. Das Orchester wird winzig dabei. Man hört die Trommeln seiner Band, seine Stimme, und die Geigen irgendwo auch. Es regnet Blitze. Bei „Great Escape“ will er alle tanzen sehen. Glocken bimmeln. Das Stroboskop kennt kein Erbarmen. Und Woodkid führt selber einen Veitstanz auf. Seine Band geht von der Bühne, auch er, das Orchester bleibt zur Zugabe. Wikinger sind jetzt auf der Leinwand und noch einmal kehrt der kleine Bärtige zurück.