Literatur

Verfemt, verfolgt, vertrieben

Mit 70 Jahren Verspätung erscheinen Hermann Ullsteins im Exil geschriebenen Memoiren endlich auch auf Deutsch

Das nackte Leben. Viel mehr konnte Hermann Ullstein nicht retten ins New Yorker Exil. Der einstige Mitinhaber des größten Pressekonzerns Europas war 1939/40 weitgehend mittellos, er lebte von der Unterstützung seiner Tochter und verdingte sich nebenher als Nachtwächter. Doch Hermann Ullstein (1875-1943), der von den Nazis vertrieben worden war, gab nicht auf.

Der jüngste der fünf Söhne von Leopold Ullstein und Miterbe des Ullstein-Verlages schrieb für die deutschsprachige Emigrantenzeitung „Aufbau“ die Serie „Aus dem Notizbuch eines Verlegers“. Darin berichtete er Anekdoten aus den über 30 Jahren, die er zur Leitung des Unternehmens gehört hatte. Ullsteins Beiträge waren so interessant, dass der New Yorker Verlag Simon & Schuster ihm einen Buchvertrag anbot. Mitten im Zweiten Weltkrieg, Anfang 1943, erschien der Band unter dem Titel „The Rise and Fall oft he House of Ullstein“. Doch erst jetzt, nach 70 Jahren, erscheint das Werk des Verlegers in seiner Muttersprache, mit Unterstützung des Vereins Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus. Angemessenerweise bringt der nach einem kurzen Münchner Irrweg nach Berlin heimgekehrte Ullstein-Verlag den Band heraus.

Jahrelang von Feinden umgeben

Das Buch ist keine exakte Geschichte des Verlages Ullstein und konnte es nicht sein. Viele Daten sind ungenau, Bewertungen häufig stark subjektiv. Das ist auch ein Grund, warum der Band von dem 1952 an die Familie Ullstein restituierten Buchverlag bis jetzt nie herausgebracht wurde. Der Wert des Buches, das Hermanns Großneffe Geoffrey Layton ins Deutsche übertragen hat, liegt jedoch gerade in seiner Subjektivität. Noch immer bleibt eine große Geschichte des Ullstein-Verlages, dem „Ullstein-Roman“ von Sten Nadolny und mehreren umfangreichen Festschriften zum Trotz, ein Desiderat. Doch gerade im Berliner Themenjahr zur „Zerstörten Vielfalt“ über die ersten fünf Jahre der NS-Diktatur zwischen Machtübernahme und Reichspogromnacht sind Ullsteins Notizen besonders wertvoll – zeigen sie doch ungeschminkt die Wahrnehmung eines Opfers der frühen „Arisierung“.

Bereits wenige Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler erfuhr Hermann Ullstein, dass einer seiner Redakteure namens Kappusch, der ihm bis dahin „stets mit Ehrerbietung begegnet war“, insgeheim ein Nazi war. Er fragte: „Dennoch sind Sie in diesem demokratisch orientierten Verlag geblieben?“ Kappusch reagierte mit einer „dröhnenden, humorlosen Lachsalve, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ“, schrieb Hermann: „Erst in diesem Moment erkannte ich, dass wir schon seit Jahren von Feinden umgeben waren.“

Innerhalb weniger Monate verwandelte sich der Ullstein-Verlag in ein „Schlachtfeld“. Überzeugte Nazis wie Kappusch drängten mit Unterstützung von Goebbels’ Propagandaministerium die Brüder Ullstein aus der Geschäftsführung. Von den rund 10.000 Mitarbeitern, die der Verlag hatte, drückten nur 430 Hermann ihr Mitgefühl aus. Der schickte ein Dankschreiben, das kein negatives Wort enthielt – und doch die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs deutlich machte. Es ist als Faksimile abgedruckt.

Die Schilderungen der NS-Verfolgung sind eindrucksvoll, bis hin zu seinen Erlebnissen während der Pogrome im November 1938. Doch es wäre falsch, von Hermanns Erinnerungen vorrangig die Nazizeit wahrzunehmen. Genauso spannend sind seine Ausführungen rund um den Erwerb der „Vossischen Zeitung“.

Das traditionsreichste Blatt der Reichshauptstadt stand 1913 zum Verkauf; der Preis lag indes mit acht Millionen Goldmark sehr hoch. Trotzdem investierten die fünf Brüder in die Zeitung, ließen die „alte Tante Voss“ modernisieren und zur führenden liberalen Stimme der deutschen Presse ausbauen. Die „Vossische“ war die perfekte Ergänzung zu den gewinnstarken Ullstein-Blättern „Berliner Morgenpost“ und „B.Z. am Mittag“. Allerdings kostete sie den Verlag bis zur Einstellung unter den Nazis am 31. März 1934 mehr als 30 Millionen Mark Zuschuss. Gewinn machte sie nie. Unschätzbar aber war der Imagegewinn. Laut Hermann Ullstein war die „Vossische Zeitung“ „ohne Zweifel ein Leuchtturm unserer verlegerischen Aktivitäten – aber auch ein verdammt teurer Spaß“.

Wertungen wie diese und zahllose Details aus dem Innenleben der Verlagsleitung machen Hermanns Memoiren wertvoll. Sie können zum Ausgangspunkt für eine längst überfällige moderne Darstellung der deutschen Presse im 19. und 20. Jahrhundert werden – sei es als Buch oder als Ausstellung. So würde zugleich das Vermächtnis von Hermann Ullstein erfüllt, wenn auch mit 70 Jahren Verspätung. Der erste Schritt ist mit dieser Übersetzung getan.

Das Buch Hermann Ullstein:Das Haus Ullstein. Ullstein, 304 S., 22,99 Euro.

Buchpräsentation Deutsches Pressemuseum Ullsteinhaus, Marienhofer Damm, Tempelhof. Heute, 19 Uhr.