Oper

Warum die Frauen bei Mozart so schlicht sind

Überraschend biedere Inszenierung in der Komischen Oper: Alvis Hermanis verlegt „Cosi fan tutte“ in eine Restauratorenwerkstatt

Regisseur Alvis Hermanis riskiert an der Komischen Oper einen Kostümschinken. Aber warum auch nicht? Bunt und prächtig geht immer. Und ganz so einfach macht der Theaterprofi es sich natürlich nicht: Hermanis verlegt Mozarts „Cosi fan tutte“ von 1790 in eine heutige Restauratorenwerkstatt. Im Vorfeld hat er mit den Sängern einen Bildungsausflug ins Neue Palais nach Potsdam gemacht, so war zu lesen, um echten Restauratoren über die Schulter zu schauen. Rokoko pur und nichts als die historische Wahrheit. Zusammen haben sie sich auch nacktes Fleisch und barocke Formen in Öl angeschaut. Irgendwelche Reize und Leidenschaften sollten also geweckt werden. Mehr werden wir darüber nie erfahren. Zumindest nicht in dieser überraschend biederen Inszenierung.

Klinisch weiße Kittel

Eine sterile Restauratorenwerkstatt hat Uta Gruber-Ballehr auf die Bühne der Komischen Oper gebaut. Viel grelles Oberlicht gibt es und mehrere historische Bilder, an denen fast die ganze Zeit herumgepinselt wird, rechter Hand ein Bücherregal mit einer Reihe Leitz-Ordner. So modern die Ausstattung, so retro das Röhrenradio an der Seite. Irgendwann scheppert der Chor „O wie schön, Soldat zu sein“ daraus hervor. Es ist eine der schönen Ideen. Wer glaubt heute schon, dass die Männer mal schnell zum Militär aufbrechen müssen. Ansonsten trägt man weiße Kittel, was eine tückische Anonymität hervorruft. Zum Opernhandwerk gehört es, dem Publikum die Figuren individuell einzuführen. Das hilft der schnelleren Identifikation. Aber Hermanis, der lettische Schauspieler, Theaterregisseur und Intendant des Neuen Theaters Riga, setzt in seinem Berliner Operndebüt auf etwas anderes: auf die Parallelität der Zeiten und Vorgänge und damit letztlich auch auf die Austauschbarkeit der Figuren.

Seine singenden Restauratoren sollen in die Verhaltensweisen der einst Porträtierten schlüpfen. Ein moralischer Zeitsprung quasi. Die beiden Liebespaare agieren buchstäblich vor dem Hintergrund der Malerei. Eva Dessecker steckt erst die Herren, dann auch die Damen in Rokoko-Kostüme. Geturtelt wird in Zeiten, als der Adel konnte, wenn er wollte, und die bürgerliche Moral des folgenden Jahrhunderts noch nicht zugeschlagen hat. Raffiniert wird zwischen der italienischen und der deutschen Sprache hin und her gewechselt. Im Stück geht es um eine Wette, ob Frauen treu sein können. Mozart nannte seine „Cosi fan tutte“ (So machen’s alle) ein „Dramma giocoso“, also eine musikalische Komödie. Bei Hermanis wird die Mitverschwörerin Despina, burschikos gesungen von Mirka Wagner, zur Reinemachefrau. Zur Frau in Blau. Drahtzieher ist Arbeitskollege Don Alfonso, dem Tom Erik Lie seinen sonoren, Vertrauen erweckenden Bariton leiht.

Auf der Bühne wird schließlich alles Komödiantische in alter Vertrautheit bedient: Die vermeintliche Vergiftung, die Wunderheilung nach der Methode des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer, der seinerzeit die Lehre vom animalischen Magnetismus begründete, und natürlich auch die subversive Liebe über Kreuz. Ganze Generationen von Moralisten, Dramaturgen, Textneudichtern und Regisseuren haben sich gefragt, was uns Mozart damit sagen will. Dass Frauen untreu sind? Wohl kaum. Mozart-Kenner wissen, dass es zutiefst innerst wieder einmal ums Ganze ging. Menschen müssen erkennen, dass sie ihren eigenen Gefühlen nicht trauen. Aber wem kann man trauen, wenn nicht einmal sich selbst? Das ist ein Konflikt. Der Berliner Schriftsteller Wladimir Kaminer hat einmal gesagt, die Amerikaner würden ihre Konflikte mit dem Revolver lösen, die Deutschen mit dem Leitz-Ordner.

Ein übermütiges Libretto

Der Österreicher Mozart hat es mit Musik versucht. Regisseur Hermanis hat ihm aber nicht richtig zugehört, sondern lieber Da Pontes übermütiges Libretto gelesen und den Opernkonflikt historisch korrekt abgeheftet: Demnach sind Frauen unzuverlässig, willig und ziemlich dumm. Selbst wenn sie Restauratorinnen sind, Brille tragen und sich auf der Bühne mit irgendwelchen dicken, unsinnlichen Entlüftungsschläuchen amüsieren. Der Regisseur hat die Frauenfiguren buchstäblich auf den kalten Operationstisch der Restaurationswerkstatt gelegt, es ist keine rote Couch für die Seele, sondern eine reine Oberflächen-Analyse geworden, die sich gern hinter einer operettenhaften Geste der Handelnden versteckt.

Am bezauberndsten ist Hermanis Inszenierung dann, wenn sie die alte Bildsprache ins Moderne hinein rekonstruieren will. Dann ist seine Liebe zur Bildenden Kunst spürbar. Während also das eine Paar anbändelt, öffnet sich im Hintergrund die riesige Projektionsfläche und gibt ein Tableau vivant frei. Die Mode, Gemälde durch lebende Personen nachzustellen, kam auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf. Die Komische Oper erinnert an Jean-Honoré Fragonards Gemälde „Les Hasards beureux de l’escarpolette“, sie auf der Schaukel, er halb liegend. Eine heute züchtig anmutende Szene, damals eine seltene Möglichkeit, der Dame unter den Rock zu schauen. Irgendwann tritt das Pärchen aus dem Bild heraus auf die Bühne. Die beiden Solistinnen, Theresa Kronthaler als Dorabella und Nicole Chevalier als Fiordiligi, räumen sängerisch ab in dieser Premiere. Sie wagen sich am weitesten hervor.

Während Fiordiligi sich im Adagio „O verzeih Geliebter“ die Seele aus dem Leib singt, entkleidet Guglielmo, den Dominik Köninger insgesamt draufgängerisch vorführt, oben im Büro die andere. Ales Briscein, der als Ferrando den „Odem der Liebe" beschwört, gehört zu den Schmuse-Tenören, die gerne auf den strömenden Vokal A setzen, was in einer Arie mit lauter schmaichelnd und waich, waiter und raich irgendwann seltsam klingt. Am Pult steht Henrik Nanasi, der Generalmusikdirektor, und hält den wunderlichen Laden der Restauratoren zusammen. Er dirigiert den Sängern entgegen und der Szene hinterher. Große Gefühle sind rar in den drei Stunden. Am Ende gibt es viel Jubel, aber auch Buhs für den Regisseur. Wohl für die gepflegte Langeweile.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400 Termine: 9., 15. November; 1., 10., 15., 19. Dezember