Musik

Wenn alte Hasen auf junge Hüpfer treffen

Zurück in die Zukunft: Das Jazzfest Berlin ging mit einem furiosen Auftritt von John Scofields Quartett Überjam zu Ende

Hinterher ist man klüger. Aber dass die Erwartungen an das Programm des Jazzfest Berlin 2013 so einhellig bestätigt wurden, das kommt nicht immer vor bei diesem Festival, das am Sonntagabend mit einem furios phonstarken Auftritt von Gitarrist John Scofield im Haus der Berliner Festspiele ins Finale ging. Bert Noglik, im zweiten Jahr künstlerischer Leiter, hat mit wachem Blick zeitgenössische Strömungen zwischen Tradition und Moderne zu einem kompakten Arrangement drapiert. Und: Er hat das Festival hörbar verjüngt.

Das wurde schon beim Eröffnungskonzert offenbar, bei dem der 30-jährige Trompeter Christian Scott aus New Orleans sein Konzept der „Stretch Music“ offerierte. Das ist der Sound einer neuen Generation, die ohne Scheuklappen zeitgenössische Sounds in ihre Musik integriert, ohne die Traditionen zu verleugnen. Elemente aus Blues, Soul, HipHop, R’n’B und Pop fließen ein in diesen Klang, ohne beherrschendes Element zu werden. Der smarte Scott spielt wunderbar elegant und beseelt, und er hat ein hochspannendes Ensemble um sich geschart. Erfrischend.

Gesteigert wurde das noch durch den Auftritt von Pianist Joachim Kühn, der sein Projekt „Gnawa Jazz Voodoo“ aufführte. Der 69-Jährige beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Musik Westafrikas und spielt sich und das Publikum mit seinem Ensemble regelrecht in Trance. Neben dem Guembri-Spieler Majid Bekkas und Schlagzeuger Ramon Lopez hat er vier Perkussionisten dabei, zwei an Talking Drums und Conga, zwei an marokkanischen Gnawa-Rasseln, diesen blechernen Klappern, die unerbittlich den Rhythmus vorgeben.

Der zweite Abend bot zunächst mit Bassklarinettist Michael Riessler etwas anstrengendere, aber nicht weniger interessante Kost. Riessler hat sich mit dem kauzigen französischen Drehorgelspieler Pierre Charial zusammengefunden, der bestrebt ist, das Jahrmarktsunikum zu einem vollwertigen Konzertinstrument zu perfektionieren. Schlagzeug, Bass und das Bläsersextett der Hochschule für Musik und Theater München, an der Riessler lehrt, komplettieren die Formation mit ihren zwischen Rock und Neuer Musik changierenden Arrangements. Jazz in seiner reinen Form bot im Anschluss der höchst melodiös spielende Schlagzeuger Jack DeJohnette mit seinem Quartett. Ein Klassiker.

Am Sonnabend, übrigens ausverkauft wie alle Jazzfest-Konzerte im Festspielhaus, standen die Zeichen auf Party. Nach der Eröffnung von Pianist Michael Wollny und Cembalistin Tamar Halperin, die sich für ihr Programm „Wunderkammer XXL“ mit der hr-Bigband zusammengetan haben und mit perlenden Tastenklängen den Soundtrack für großes, mysteriöses Kino schufen, brachte Abraham Inc. Bewegung in den Saal. Die Zehn-Musiker-Formation um den Klarinettisten David Krakauer, den Ex-James-Brown-Posaunisten Fred Wesley und den kanadischen Pianisten und Sänger Socalled bringt Dinge zusammen, von denen man bisher gar nicht wusste, dass sie zusammenpassen. Klezmermusik, Funk und HipHop vereinen sich hier zu einem ungeheuer tanzbaren Sound.

Wie jung, frech und unverblümt eine Bigband klingen kann, manifestierte Monika Roscher am Sonntagabend beim Abschlusskonzert mit ihrer Großformation, die auf überraschende Weise TripHop, Rock und Elektronik mit atmosphärischen Klangflächen und swingenden Bigband-Sounds zu paaren weiß. Dabei ist Monika Roscher nicht nur Bandleaderin, sondern singt auch zur rockigen Gitarre skurrile Songs über meist tödlich endende Wüsten- oder Irrlicht-Erfahrungen.

Gitarrist John Scofield gab dem Jazzrock lustvoll und lautstark die Sporen, solierte brillant über die Saiten und verpasste der Musik mit seiner Band Überjam eine gehörige Portion Funk. Überragend, überzeugend, überraschend. Aber das war ja auch das Anliegen dieser 49. Jazzfest-Ausgabe: Überraschungen zu präsentieren. Es ist gelungen.