Fernsehen

Jugendwahn beim „Tatort“: Praktikanten müssen ran

Ab heute in Erfurt mit dabei: die Berliner Schauspielerin Alina Levshin

Die ARD will sich verjüngen. Auch bei seinem größten Zugpferd, dem „Tatort“, wird das immer deutlicher. Vor ziemlich genau einem Jahr war im neuen Dortmunder Team Aylin Tezel die jüngste Ermittlerin aller Zeiten. Jetzt muss sie den Titel schon wieder abgeben. Ab heute operiert mit den neuen MDR-Ermittlern aus Erfurt das „jüngste Tatort-Team aller Zeiten“. So die Eigenwerbung. Friedrich Mücke und Benjamin Kramme, die es mit 32 und 31 Jahren gerade mal so zum Kommissar geschafft haben können, sowie Alina Levshin, die erst 29 ist und als Praktikantin eingeführt wird. Die sich gegen die Herren Kommissare erst mal durchsetzen muss. Nicht nur die Ermittler sind deutlich jünger als gewohnt, in ihrem ersten Fall „Kalter Engel“ ermitteln sie heute auch in studentischen Kreisen. Alina Levshin wurde bekannt durch die Grimmepreis-gekrönte Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ und das Neonazidrama „Kriegerin“, für das sie 2012 den Deutschen Filmpreis als beste Schauspielerin bekamt. Zu ihrem Debüt im „Tatort“ hat Peter Zander mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Die Krimifrage vorab: Wo waren Sie vergangenen Sonntag zwischen 20.15 und 21.45 Uhr?

Alina Levshin:

(lacht) Tja, da hatte ich Kostümprobe für eine Folge von „Nachtschicht“. So was gibt’s auch am Sonntag. Ich hatte also keine Zeit, „Tatort“ zu gucken. Ich nehme mal an, Ihre Frage zielt dahin.

Sind Sie denn „Tatort“-Gucker?

Ja, durchaus. Ich schaffe es nicht jeden Sonntag, aber ich gucke schon oft. Und inzwischen schaue ich mir das natürlich sehr genau an. Wie die Teams aufgestellt sind. Was man da besser machen könnte.

Wie sind Sie überhaupt zu Ihrem „Tatort“-Job gekommen. Klingelte da eines Tages das berühmte Telefon?

Die Wahrheit ist ein wenig sachlicher. Der MDR hat das Programm ausgeschrieben, daraufhin haben sich verschiedene Produktionsfirmen gemeldet und eigene Konzepte entwickelt. Ich wurde von meiner Agentur angerufen, ob ich nicht Lust hätte, das zu spielen. Ich war Teil eines Dreier-Teams, das als eines der Konzepte angemeldet wurde. Uns hätte es nur zu dritt gegeben oder gar nicht. Wir hatten offenbar Glück.

Und was war die erste, spontane Reaktion auf das Angebot?

Ich war erst mal sehr überrascht. Und auch aufgeregt, weil ich das gar nicht glauben konnte.

Sie lösen damit Aylin Tezel als jüngste Ermittlerin der Reihe ab.

Ja, das soll so sein. Ich hab das nicht so genau nachgezählt. Ist man halt die Jüngste. Was soll man machen!

Die ARD will sich verjüngen, vor allem auch der MDR, der mit dem „Polizeiruf“-Team Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler wirklich ziemlich alt aussah. Jetzt wird Ihr Erfurt-Dreier beworben als „jüngstes Tatort-Team aller Zeiten“. Fühlt man sich da als Frischfleisch missbraucht?

Wie das vermarktet wird, darauf haben wir keinen Einfluss. Aber die Situation ist authentisch: Wir sind alle drei plus minus 30. Es wurde genau recherchiert, dass man in dem Alter schon Kommissar sein kann. Wir sind jung, ja, wir haben vielleicht noch nicht so viel erlebt wie der Durchschnittskommissar. Darum werden unsere Fälle auch etwas anders aussehen.

Aber Sie werden schon als Praktikantin eingeführt, damit die Generation Praktikum ein Identifikationsangebot hat.

Ich will gar nicht darüber nachdenken, was sich andere da wohl ausgedacht haben. Das würde mich nur verbiegen. Wenn ich spiele, will ich nur spielen. Und nicht darüber nachdenken, wie das ankommt. Sonst kann man nicht spielen. Sonst gibt es keine Luft zu arbeiten.

So ein Praktikum dauert in der Regel nur ein paar Wochen. Wie lange ist Ihres im „Tatort“ geplant?

Wir haben erst mal für zwei Folgen unterschrieben. Die zweite wird demnächst gedreht. Und dann muss man erst mal sehen, wie das beim Publikum ankommt. Meine Figur Johanna Grewe macht ein Praktikum für ein Jahr. Aber da gibt es ja viel Spielraum.

Manche Schauspieler haben Angst vor Serien, weil man da in Schubladen gesteckt wird. Machen Sie sich darüber Gedanken?

Ich glaube, das kommt immer auch auf die Serien an. Man kann sowieso nicht steuern, wie die Leute von einem denken. Ich selber stecke mich in keine Schublade, ich bin ganz offen und hoffe, die Leute, die einen besetzen, sind das auch. Wenn man nur einen „Tatort“ im Jahr macht, heißt das nicht, dass man keine Zeit mehr für andere Projekte hätte. Ich jedenfalls bin sehr neugierig und will auch noch in anderen Schubladen rumschnüffeln.

Wie war die Chemie zwischen Ihnen dreien? Hat die sofort funktioniert? Oder musste man sich erst beschnuppern?

Das lief bei uns dreien sehr gut. Wir haben zwar noch nie miteinander gearbeitet. Aber mit Friedrich Mücke und Benjamin Kramme fühle ich mich sehr wohl. Die Konstellation interessiert mich. Dass die beiden mich als Praktikantin nicht ganz ernst nehmen und ich mich da durchsetzen muss. Das wird sich dann sicher entwickeln. Klar haben wir uns anfangs beschnuppert. Aber durch die erste Folge sind wir echt ein Team geworden. Deswegen freu ich mich schon auf den zweiten Fall.

Ihre Filmfiguren heißen Marisa, Jelena, Olga, Alina, Alaska und jetzt Johanna. Laute Namen mit „a“. Ist das reiner Zufall?

(lacht). Ist ja witzig. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht denke ich das „a“ unterbewusst immer mit. Ist ja auch ein freundlicher Laut, sehr hell. Ich dachte einfach, Johanna passt ganz gut zu ihr. Anfangs hatte sie einen anderen Namen. Aber ich habe dann Johanna vorgeschlagen.

Der „Tatort“ ist ja die heilige Kuh des deutschen Fernsehens. Hat man da mehr Lampenfieber als etwa vor einem Kinostart?

Ja, man ist schon ein bisschen aufgeregt. Es gibt da diese Tradition, und der will man auch gerecht werden. Aber davon darf man sich nicht beeinflussen lassen. Du kannst als Schauspieler nur dein Bestes geben. Und das haben wir getan. Aber du hast als Schauspieler ja keinen Einfluss auf Schnitt, Musik und so etwas.

Dann gibt es noch den Quotendruck. Gerade beim „Tatort“ wird genau geguckt, welches Team wie viele Millionen macht. Macht man sich den Druck selbst auch?

Etwas Neues macht ja immer neugierig. Von daher hoffen wir schon, dass die Leute erst mal gucken. Ich lauere jetzt nicht Montag früh vor dem Computer, wenn die Quoten online kommen. Aber ich werde dann bestimmt mit Benny und Friedrich telefonieren.

Werden Sie sich den „Tatort“ denn auch am Sonntag ganz normal anschauen?

Ja, mit Familie und engen Freunden. Die fragen mich schon lange. Und das hat schon was, zu wissen, dass jetzt alle anderen auch gucken.

Tatort: Kalter Engel ARD, heute, 20.15 Uhr