Kunstsache

Sag noch mal einer, Männer wären eitel

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Es passiert nicht selten, dass wir an einer Baustelle vorbei marschieren, stutzen und denken: Himmel je, was stand hier bloß noch vorvorgestern? Dort, wo heute ein fettes Loch im Asphalt klafft und ein Kran sich in den Himmel reckt. Gestern, heute, morgen: Wer in Berlin lebt, weiß, Veränderung gehört zu den großen Qualitäten dieser Stadt. Also sind Emma und ich auf dem Weg zur Collection Regard in Mitte. Dort nämlich zeigt Ulrich Wüst seine Stadtansichten und vieles mehr.

In den Räumen der Privatsammlung, die in einer Wohnung an der Steinstraße den Charme eines nordischen Salons hat, kommen die Fotos des 1949 in Magdeburg geborenen Fotografen bestens zur Geltung. Es entstehen (Denk)Räume im Raum. Auffallend menschenleer sind Wüsts schwarzweiße Bilder, einmal nur läuft ein Hund durch eine graue Straße. Extrem früh muss Wüst morgens losgezogen sein mit der Kamera im Rücksack, noch bevor die VEB-Frühschichtler ihren Dienst antraten. So war (Ost)Berlin: eine Geisterstadt, leere Straßen, graue Häuserschluchten, Brachen, Plattenburgen, Brandwände einer Ruine. Verlassene Ort, unwirtlich, verfallen, mal Brache, mal Provisorium. Emma meint, sie erkennt nicht eine Straße in Mitte wieder. Mag daran liegen, dass Wüst sich nicht an den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt abarbeitet. Bei all diesem morbiden Charme könnte nun Nostalgie aufkommen, viele dieser Bilder sind wirklich schön, gerade die, mit den starken, poetischen Grauwerten. Die wirken wie Tuschezeichnungen eines Caspar David Friedrich.

Himmel, Architektur, Licht und Schatten, hell und dunkel, Leere und Besiedlung, alles ist gut ausbalanciert. Wüst ist diplomierter Stadtplaner und genau das sieht man sofort: Der Blick auf die Architektur ist nüchtern und sachlich, präzise und klar. So, als wäre all den Fotos ein unsichtbares Symmetrieraster unterlegt. Architektur ist für ihn wie eine fein modellierte Skulptur, mag sie noch so hässlich sein. „Bestens komponiert“, sagt Marc Barbey.

Marc Barbey, der die Collection seit über zwei Jahren betreibt, besuchte Wüst mehrere Male in seinem Atelier an der Rykestraße. Ein Regal voll mit selbst gemachten Büchern faszinierte ihn. Alles Leporellos, mit Fotos beklebte Faltbücher, die in etwa nach dem Prinzip einer Ziehharmonika funktionieren. Faltet man das meterlange „Lesebuch Mitte“ auf, so entsteht quasi ein visueller Spaziergang durch die Stadt – mit Panoramaeffekt: Tucholskystraße, Auguststraße, Friedrichstraße, Potsdamer Platz... Für Wüst sind diese Papphefte schlicht Arbeits -und Ordnungsmaterial, das seine Motive dokumentiert. Nie hat er dran gedacht, sie auszustellen. Das hat Barbey nun getan.

Emma blättert in einem Katalog von Wüst. Dort hat er Nachlässe fotografiert, das, was in einer Wohnung verbleibt, wenn jemand geht oder verstirbt. Ganz melancholische Bilder sind das, eine abgeschlagene Kaffeetasse steht auf einem Resopaltisch, sieht so aus, als ob da jemand viel Kaffee getrunken hat; alte Christbaumkugeln in ihrer Pappschachtel oder eine verlassene Reisetasche vor verschlissener Tapete.

Auch wenn seinen Architekturfotografien die Menschen fehlen, Wüst ist dennoch ein Porträtist. „Besucher“ bei ihm zu Hause in der Wohnung am Prenzlauer Berg zeigen das. Freunde, Bekannte, Architekten, Keramiker, Psychologen bat er Mitte der 80er Jahre um ein Shooting beim Abschied. Die Männer machten mit. Ihre Fotos sehen aus wie Steckbriefe, findet Emma. Die riesigen „Ganzkörper“-Brillen von damals sind heute wieder in. „Nur Männer!“, motzt jetzt Emma. Ursprünglich wollte Wüst auch seine Besucherinnen fotografieren. Ulrich, sagte die Erste, nächste Woche, dann komme ich wieder! Und so ging es weiter. Spontan ging nichts mit den Ladys. Sag mal einer, Männer wären eitel.

(Collection Regard, Steinstr. 12, Mitte. Geöffnet freitags, 14-18 Uhr, u. nach Vereinbarung. Bis 15. Februar)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien