Ausstellung

Den Raum kontrollieren

Erich Reusch zeigt bildhauerische Objekte in der Galerie Aurel Scheibler

Leicht fröstelnd steht der fast neunzigjährige Künstler im Ehrenhof des Bendlerblocks und blickt mit unverhohlener Missachtung auf den Bauzaun, der den architektonischen Raum rüde verkürzt. 1979 war Reusch mit der Umgestaltung des Mahnmals der Gedenkstätte Deutscher Widerstand beauftragt worden. Die Raumwirkung des Ensembles aus einer Bodenplastik, einer überlebensgroßen Skulptur, der einheitlichen Pflasterung und dem Ehrenhain sei angesichts der aktuellen Baumaßnahmen aber nicht mehr nachvollziehbar, ärgert er sich. Denn um die Wahrnehmung des Raums geht es Reusch in allen seinen Arbeiten.

Im Boden eingelassen sind zwei verschiedene hohe, abgetreppte Riegel aus bearbeiteter Bronze. Die diskret feierliche Wirkung verbietet ein Übersteigen, man weicht nach links oder rechts aus, um sie zu umrunden. Wie eine transparente Barriere versperrt die Bodenplastik den Weg, aber nicht die Sicht. Die fällt auf die Skulptur eines nackten, an den Händen gefesselten Mannes. Eine Figur, die Reusch lieber selbst modelliert hätte, wie er mit einer Mischung aus Abwehr und Entschuldigung betont.

Seinen komplexen Raumgedanken hat Reusch zunächst als Architekt Gestalt verliehen. Von 1953 bis 1965 war er in Düsseldorf tätig, baute Siedlungen in Westdeutschland und initiierte die Idee der Trabantenstadt in Meckenheim bei Bonn. Aber die Auseinandersetzung mit den Lobby-Interessen der Wiederaufbaujahre vergällten ihm die Architektur zusehends. Auch schien er seine radikalen Raumkonzepte in der freien Kunst besser ausdrücken zu können. Reusch konstruierte abstrakte Wandreliefs, aus denen filigrane Strukturen in den Raum greifen. Er entwarf horizontale und dezentrale Bodenskulpturen, Jahre bevor der Minimalist Carl Andre damit in der Kunstwelt Furore machte.

In der Galerie Aurel Scheibler präsentiert Reusch nun nicht nur einige ältere elektrostatische Objekte – Plexiglasboxen, in denen schwarzer Pigmentstaub so zufällige wie gestische Spuren an den Wänden hinterlässt –, sondern eine Installation von Wandarbeiten, die er auf den Ort angepasst hat. Hier schöpft der Raumkünstler aus seinem Vokabular von Formen. Unregelmäßig ausgesägte, farbig bemalte Flächen übersäen Wände, Pfeiler und Ecken des Galerieraums. Die weniger malerischen als bildhauerischen Objekte reagieren auf einander und etablieren einen allumfassenden, aber flüchtigen Bezugsraum. Im Detail setzt sich dann wieder der Architekt durch, der die Raumelemente mit wenigen Mitteln kontrolliert. Jedes Objekt ist mit nur zwei Nägeln befestigt. Ein Nagel sorgt für den Halt, während der andere seine Position definiert. Marcus Woeller

Erich Reusch, „Im Prinzip der Ersten Abteilung“, bis zum 9. November, Aurel Scheibler, Schöneberger Ufer 71