Klassik-Kritik

Yefim Bronfman tobt virtuos über die Tasten

Bei Barenboim applaudiert niemand zu früh.

Wenn der Maestro andächtige Stille nach dem Schlussakkord verordnet, harren selbst ungeduldige Erstklatscher aus. Barenboim ist der vermutlich letzte Zuchtmeister seiner Zunft. Er nimmt Staatskapelle und Publikum gleichermaßen in Beschlag. Und trotzt auch sich selbst das Äußerste ab. Zwei gewaltige Brocken Spätromantik stemmt Barenboim auf das Podium der Philharmonie: Tschaikowskys beliebtes Erstes Klavierkonzert und Edward Elgars hierzulande stark vernachlässigte Zweite Sinfonie. Beide kann er natürlich auswendig.

Die Energiewellen, die Barenboim erzeugt, drücken ihn so manches Mal nach hinten gegen das Pultgeländer. Elgars Sinfonie braucht so einen Dirigenten. Einen Dirigenten, der diesem stattlich wuchernden Werk von 1910 klare Richtung aufzwingt. Jemanden, der Pomp und Pathos auch mal in brutale Verzweiflung umschlagen lässt. Ungerecht aber verständlich ist, dass der Tschaikowsky in der ersten Konzerthälfte so viel mehr Begeisterung verursacht. Denn das b-Moll-Klavierkonzert ist ein Schlachtross für Tastenhelden, ein Werk, bei dem seit jeher die Massen in Verzückung geraten. Der US-Amerikaner Yefim Bronfman, gern gesehener Gast in Berlin, pflanzt sich an den Steinway. Sein Tschaikowsky glänzt klar und deutlich. Nahezu perfekt hat Bronfman die Fingertechnik seiner Leibesfülle angepasst. Er schleudert großflächige Virtuosität in die Tasten, streichelt feinste poetische Tableaus aus ihnen hervor.

Nur beim Tänzeln auf engstem Raum bleibt Bronfman stämmig, tritt auf die Bremse. In diesen Momenten wirkt die Staatskapelle wendiger, gewitzter, souveräner. Mal zieht Barenboim seinen Pianisten mit sich, mal prescht Bronfman triumphal in Front. Stur sind sie beide an diesem Abend, es ist ein Kampf der starken musikalischen Ideen. Bemerkenswert zuweilen die Kälte, die Barenboim einbringt. Erstaunlich ist auch die raue Expressivität im Finale. Sasha Waltz‘ „Sacre“ vom Wochenende scheint den Musikern noch in den Gliedern zu sitzen. Mit schier unerschöpflichen Kräften lässt Bronfman danach seine Zugabe dampfen – den Schlusssatz aus Prokofieffs Siebter Sonate.