Festival

Bebop? Hardbop?? Neobop???

Morgen beginnt das Jazzfest Berlin. Es will zeigen, wie vielfältig, abwechslungsreich und überraschend Jazz noch immer ist

Das Schöne am Jazz ist seine Unberechenbarkeit. Genau daran liegt es auch, dass diese irgendwann Anfang des vorigen Jahrhunderts im Süden der USA entstandene Musik sich bis heute einer eindeutigen Definition entzieht. Und sich über die Jahrzehnte immer wieder gewandelt, gehäutet und gesträubt hat gegen jede Form der Einengung. Der Saxofonist Archie Shepp hat das mal auf eine einfache Formel gebracht: „Jazz ist Freiheit.“

Für Bert Noglik, den künstlerischen Leiter des Jazzfests Berlin, das am Donnerstag im Haus der Festspiele eröffnet wird, ist Jazz vor allem ein Sound der immer neuen Überraschungen. Und so will er mit seinem diesjährigen Programm „Verknüpfungen herstellen zwischen Kulturen, Stilistiken, Ausdrucks- und Empfindungswelten“. Akzente will er setzen und Entwicklungen aufzeigen, wie lebendig der Jazz in seinen vielfältigen Spielarten ist.

Wer nun meint, alle Revolutionen seien doch gekämpft, alle Ausdrucksformen bis zum letzten freigespielten Röcheln eines Saxofons ausgelotet, soll bis zum Sonntag im Haus der Kulturen der Welt, in der Akademie der Künste, im Quasimodo und im A-Trane eines Besseren belehrt werden. Stilistische Umwälzungen wie Bebop oder Hardbop, Cool Jazz oder Jazzrock, Free Jazz oder Neobop sind Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts. Der Jazz ist längst im Anything Goes angekommen. Nichts ist unmöglich.

In diesem Jahr erinnert das Festival an den Schweizer Jazzpianisten und Bandleader George Gruntz, der als künstlerischer Leiter das Berliner Jazzfest von 1972 bis 1994 geprägt hat. Er ist Anfang des Jahres im Alter von 80 Jahren gestorben. Für ihn war der Jazz immer ein Raum mit vielen offenen Türen. Für ihn war Jazz „die offenste, diktatfreieste Art zu musizieren, und seine Spielarten dürfen nie zu Horten der Sicherheit verkommen.“ Das ist es, was den Jazz heute auszeichnet: die Vielfalt individueller Ausdrucksformen, das Aufbrechen stilistischer Barrieren, das Variieren von Tradition mit dem Wissen von heute.

Schon immer Weltmusik

Auch wenn man es genau immer erst hinterher weiß, ob die musikalische Interaktion zu einem überzeugenden Ergebnis geführt hat, schürt das diesjährige Jazzfest-Programm große Erwartungen. Ein Aspekt, den Festivalchef Noglik in den Fokus rückt, ist Afrika. So beginnt das Festival bereits am heutigen Mittwoch um 19 Uhr mit dem Podiumsgespräch „Calling Africa – Fiktion und Wirklichkeit“. „Jazz war schon immer Weltmusik“, sagt Joachim Kühn. „Rhythmus entstand aus Afrika, Harmonien entstanden in Europa, Jazz kam dann aus Amerika. Inzwischen gehört der Jazz der ganzen Welt.“ Schon seit vielen Jahren setzt sich der Pianist mit arabischer und afrikanischer Musik auseinander. Immer wieder zog es ihn in die marokkanische Wüste, um mit einheimischen Musikern zu spielen. Eine enge Zusammenarbeit entwickelte sich mit Majid Bekkas, einem marokkanischen Meister der dreisaitigen Basslaute Guembri und der arabischen Laute Oud. Der spanische Schlagzeuger Ramon Lopez macht das Trio komplett, das bereits 2010 gemeinsam mit der Big Band des Hessischen Rundfunks beim Jazzfest mit dem gefeierten Programm „Out of the Desert“ zu erleben war.

Für sein aktuelles Album „Voodoo Sense“, wieder mit Bekkas und Lopez, hat Kühn den Saxofonisten Archie Shepp eingeladen, um sich weiter tief an die afrikanischen Wurzeln zu graben. Kernstück des Albums ist eine 20-minütige Version des Coltrane-Klassiker „Kulu Se Mama“. Nun führt Kühn sein Projekt „Gnawa Jazz Voodoo“ beim Jazzfest-Eröffnungskonzert auf, mit seinem Wüstenjazz-Trio und der Saxofon-Legende Pharoah Sanders, einem monolithischen Improvisator und Wegbegleiter von John Coltrane. Ebenfalls im Eröffnungskonzert tritt der junge Trompeter Christian Scott aus New Orleans auf, den das Magazin „JazzTimes“ als „jungen Style-Gott des Jazz“ rühmte. Er hat sich einen Namen als Mittler zwischen einem Jahrhundert Jazz-Tradition und den Erwartungen eines jugendlichen Publikums gemacht.

So spannend wie die Eröffnung dürfte auch das Abschlusskonzert am Sonntag werden, bei dem neben der Bigband von Monika Roscher der Gitarrist John Scofield mit seiner Überjam Band auftritt. Der Mann, der dreieinhalb Jahre mit Miles Davis durch die Welt tourte und mit Davis die Alben „Star People“, „Decoy“ und „You‘re Under Arrest“ einspielte, hat sich noch nie um etwaige Barrieren zwischen Rock und Jazz geschert. Bei Überjam wechseln traditionelle Jazzimprovisationen mit heftigem Funkrock, der in die Beine geht. Der Rhythmus regiert. Und Scofield überrascht mit immer neuen Klängen und schlägt immer wieder neue Haken.

An den Tagen dazwischen wird Erinnerungsarbeit ebenso geleistet wie Neugier geschürt. Der Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky wird im Dezember 80 Jahre alt. Ihm widmet das Jazzfest einen ganzen Abend in der Akademie der Künste mit den Formationen Ruf der Heimat, „Ornette et cetera“ und dem Zentralquartett. Dann wieder gibt es eigenwillige großformatige Klänge mit Michael Riesslers „Big Circle“ und mit der hr-Bigband, die mit Michael Wollny und Tamar Halperin „Wunderkammer XXL“ aufführt. Im Quasimodo stehen mit Sons Of Kemet und dem Michal Wróblewski Trio junge Hoffnungsträger aus Großbritannien und Polen auf der Bühne und im A-Trane spielt die Saxofonistin Ilona Haberkamp ihr „Tribute To Jutta Hipp“. Bassist Ricardo Del Fra wiederum nähert sich mit seiner deutsch-französischen Band dem Werk von Chet Baker.

Und vor allem einen Termin sollte man sich bei dieser 49. Ausgabe des Jazzfest Berlin rot im Kalender anstreichen: am Sonnabend kommt die furiose Formation Abraham Inc. aus New York ins Haus der Festspiele und will mit ihrem irrwitzigen Mix aus jiddischer Klezmer-Musik, treibendem schwarzen Funk und lässig gerapptem HipHop den Saal zum Kochen bringen. Der Klarinettist David Krakauer, der die jiddische Musik mit seinen Formationen The Klezmatics und Klezmer Madness nachhaltig popularisierte, hat sich mit dem Posaunisten Fred Wesley, der einst mit Maceo Parker und Pee Wee Ellis die legendäre Bläsersektion von James Brown anführte, zusammengetan. Dazu kam der DJ Josh Dolgion alias Socalled. Mit dieser insgesamt zehn Musiker starken Truppe wird das Jazzfest zur Party-Area.

Jazzfest Berlin, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, Karten-Tel. 25 48 91 00, 31. Okt. bis 3. Nov., weitere Spielorte: Akademie der Künste am Hanseatenweg, Quasimodo, A-Trane, www.berlinerfestspiele.de