Serie: Die Berlin.Macher - Start-ups im Porträt

Ein Verleger für Apps, E-Books und Aufklärungsfilme

Till Tolkemitt leitet nicht nur einen Verlag, sondern ein kleines Medien-Imperium

Till Tolkemitt hat in seinem neuen Büro in der Nähe der Fischerinsel in Mitte Safari-Stühle stehen, solche mit Wildleder, die zusammenklappbar aussehen – und sehr gemütlich. Es sind auch Stühle, die schon viel mitgemacht haben, ein Erbstück, wie Tolkemitt sagt. Sie sind so aufgestellt, dass Gäste sich sofort darauf setzen wollen, aber das verhindert der Gastgeber dann lieber: „Nehmen Sie den gegenüber“, sagt er dann, „auf dem hier sitze ich.“ Da sei etwas mit der Lehne, die aus Leder sei, und die sich leicht öffne. Wenn das passiert, fällt der Sitzende nach hinten und diese peinliche Situation... – das wolle doch keiner.

Der Verlags-Leiter und Startup-Unternehmer Till Tolkemitt sitzt also auf einem Abenteurer-Stuhl und erzählt im Oktober 2013 von seinen Ausflügen ins Fernsehen, ins Internet und von Geheimdiensten. Wenn man ihn dann aber auf die Frankfurter Buchmesse anspricht, jenes wichtige Ereignis für die Verleger dieser Welt, dann atmet er schwer, verzieht das Gesicht, schaut etwas schuldbewusst auf die immensen Regalwände, so als wolle er alte Freunde nicht enttäuschen. „Ja, Frankfurt macht Spaß und ist praktisch wegen der vielen Termine“, sagt er dann, man könne Projekte zeigen und Agenten treffen, man müsse da schon hingehen. Aber das werde nicht für immer so sein, sagt er, das merke man schon in diesem Jahr, wirklich verkauft habe da ohnehin fast niemand mehr. „Im Grunde hat es schon jetzt seinen Sinn verloren.“

Und das will der 43-Jährige für sich und seinen Verlag Haffmans & Tolkemitt niemals sagen müssen und ist gerade dabei, vieles Neues auszuprobieren, etwas was bei der Verlagsgeschichte nicht als etwas Besonderes erscheint. Gegründet wurde der Haffmans-Verlag von Gerd Haffmans im Jahr 1982 in Zürich und 20 Jahre später traf er auf Till Tolkemitt, der sich vor allem für Sachbücher interessierte. So gestalteten sie in ihrem gemeinsamen Verlag Sach- und Belletristik-Bücher und fusionierten ihre Kräfte noch einmal in Berlin mit dem Verlag „Rogner & Bernhard“. Till Tolkemitt kannte die Inhaber noch von seiner Zeit als Programmchef beim Verlag Zweitausendundeins – und haben auch deren Räume in der Inselstraße bezogen.

Zusammen haben die beiden Verlage vor fast zwei Jahren das Projekt „Hardcover Plus“ gestartet, jedem Buch wird ein Code beigefügt, mit dem sich das Werk auch als E-Book herunterladen lässt. „Ich war verwundert“, sagt Tolkemitt, „dass das nicht schon längst andere Verlage gemacht haben.“ Schließlich liege es doch auf der Hand, dass es das gedruckte Buch zwar noch eine Weile geben werde, aber dass man sich den Konkurrenten der Aufmerksamkeit für Bücher stellen müsse, ist für ihn klar. „Als ich jung war, musste man einfach T.C. Boyle und John Irwing gelesen haben“, sagt er, „heute sind es Serien wie Breaking Bad und Homeland über die alle sprechen.“ Viele wiederum schauen diese eben nicht mehr im Fernsehen, sondern im Internet an. Immer wieder also das Internet, auch im Buchbereich. Der Erfolg gibt Tolkemitt zunächst Recht: Machten E-Books im Jahr 2011 nur 4,9 Millionen Euro Umsatz, erhöhte sich dieser Wert in 2012 auf rund 12 Millionen Euro und wird laut Prognosen auch in diesem Jahr noch gewachsen sein. Dass vor allem große Buchverlage diesen Markt noch ignorieren, kann Tolkemitt nicht verstehen, und nur mit deren hierarchischen Strukturen erklären. „Ich halte das Verlegen von Büchern nach wie vor für das Tollste was es gibt“, sagt er, „aber ich sehe auch, dass wir uns verändern müssen, wenn wir noch relevant sein wollen.“

Hacker und Diebe im Verlag

Deshalb hat er in den vergangenen Monaten etwas Neues probiert: „Ich will gern aus einem Buch eine Fernsehserie machen.“ Damit geht er für ihn den logischen Schritt vom gedruckten zum multimedialen Themenlieferanten. „Die Musik spielt im Internet, auch die Fernsehsender gehen dahin.“ Deshalb hat er aus dem Buch „Making Love“ von Ann-Marlene Henning von einer Produktionsgesellschaft eine Dokumentation produzieren lassen, die jetzt am 3. November beim MDR und SWR ihre Premiere hat. Das Buch verkaufte sich über 100.000 Mal, auch deshalb, weil es eben echte Paare zeigte, die wirklich miteinander ins Bett gehen. „Auch in der TV-Doku soll es um Aufklärung gehen“, sagt Tolkemitt, „weil ich nicht will, dass wir das Reden über Sex der Pornoindustrie überlassen.“ Deshalb wird die Show auch mit Bildern illustriert, die streng genommen als Pornografie ausgelegt werden können. „Ja“, sagt er, „wir zeigen erigierte Schwänze und geöffnete Frauenschenkel, warum denn nicht?“

Natürlich ist das auch ein Risiko, das weiß er, genau wie der App-Verlag, den er parallel noch mitgegründet hat. Aber im Gegensatz zu großen Verlagen, können sich kleine Herausgeber wie er, die rund 25 Bücher pro Jahr herausgeben, eben zeitlich erlauben, neue Wege auszutesten. Die beiden Apps, die er derzeit von Entwicklern produzieren lässt und die im April kommenden Jahres im App-Store erhältlich sind, haben zunächst streng genommen nichts mit Büchern zu tun. Was genau sie tun, soll aber noch geheim bleiben. Schließlich ist es immer nur eine Idee, die das „nächste große Ding“ werden könnte. Ein Projekt, das schon etwas sicherer ist, ist das über einen weltweit gejagten Anti-Helden: Vor rund einem Monat war Till Tolkemitt in Neuseeland. Er hat den Internet-Millionär Kim „Dotcom“ Schmitz auf seiner Ranch getroffen, der mit „Megaupload“ die Filmindustrie und die Behörden gegen sich aufbrachte. Eine Biografie eines der umstrittensten Deutschen im weltweiten Netz, das könnte wieder ein Erfolg werden – den man dann auch im Internet aufbereiten könnte.

Dass Tolkemitt ein Gespür für heikle Online-Stoffe hat, bewies er im Jahr 2011, als er die Übersetzung von „Underground“ herausbrachte, das Tagebuch der australischen Hackerin und Julian-Assange-Freundin Suelette Dreyfus. Als es erschien, brachen Diebe im 7. Stock des Haus des Reisens am Alexanderplatz ein, nur um in den Büros des Verlags alte Laptops zu stehen, ebenso bei Tolkemitt zu Hause. Es gab nicht wenige, die einen Zusammenhang mit US-Geheimdiensten vermuteten. „Aber ich wollte das nicht zu bekannt werden lassen“, sagt Tolkemitt. Das klinge zu sehr nach einem kleinen Verlag, der sich zu wichtig nehme.

Seinen Herbsturlaub verbringt Till Tolkemitt ganz analog in einer Hütte in Dänemark. Er wird ein Buch in der Hand halten, ab und zu seinen Tablet-PC, Hauptsache, seine Augen fliegen über gute Texte. Es wird einen Kamin geben, und mit Glück einen Sessel, der nicht nachgibt. Nicht überall sind Abenteurer-Sessel von Nutzen.