Konzert

Alle Stile, alle Epochen

Auftritt einer Jukebox: Bruno Mars singt in der O2 Word

Wahrscheinlich überlegen sich gerade wirklich ein paar Hundert in der ausverkauften O2 World, bei diesem Reifendiscount Winterreifen zu kaufen, nur weil der Spot jetzt schon zum zehnten Mal gelaufen ist. Und wahrscheinlich haben die gar kein Auto und brauchen auch keine Winterreifen. Beim 15. über die großen Bildschirme laufenden Reifenspot werden die Pfiffe schließlich unerträglich laut. Ein Security versucht die Lage durch La-Ola-Animationen zu entschärfen. Er steht da vorne und beginnt in die Mitte der Halle schauend, die Hände zu heben. Das wiederholt er dann im Uhrzeigersinn kreiselnd mit jedem Block und so macht die von ihm gestartete La-Ola bestimmt drei, vier Runden, bis sie schließlich wieder im Nichts verläuft. Noch einmal Reifen-Werbung und Bruno Mars betritt endlich die Bühne.

Fast weiblich hohe Stimme

Der 28-jährige Hawaiianer, mehr als sechs Millionen Alben und über 40 Millionen Singles hat er verkauft, lässt einen mehrere Meter hohen Palmenvorhang fallen und beginnt sein Konzert mit „Moonshine“. In Amerika nennt man schwarzgebrannte Schnäpse so. „Moonshine“ ist in der Moderne das, was zur Zeiten der Wiener Klassik ein Stück gewesen wäre, das von Beethoven, Haydn und Mozart zugleich komponiert wurde. An dem drei Minuten und 49 Sekunden dauernden Song haben nämlich Jeff Bhasker, Philip Lawrence, Ari Levine, Bruno Mars, Mark Ronson und Andrew Wyatt mitgeschrieben. Sieben Leute hat es gebraucht, um diesen Song zu vollenden, sieben der bestbezahlten und bestgebuchten Songschreiber und Produzenten überhaupt. Bruno Mars begann seine Karriere ja auch nicht als Performer, sondern als Produzent und Songschreiber für andere.

So wie er singt, die Wörter so schnell, fast weiblich hoch, dazu dieser zurückgelehnte Disco-Funk-Bass, man muss an Michael Jackson denken. Er war tatsächlich ein großes Vorbild von Mars. Mars’ Bewegungen erinnern an den King of Pop. Er deutet Moonwalks an, nur mit viel mehr Laissez-faire. Was bei Jackson militärisch präzise ist, ist bei Mars ein traumtänzelnder Schritt. Ohne Socken in Slippern. Die Choreografien von Mars und seiner Band, immerhin drei Bläser, ein Gitarrist, ein Bassist, Keyboarder und Drummer können ja nicht mittanzen, scheinen direkt von den verspielten Jackson Five übernommen. Hopsend, diese naive Freude am Pop, das sind Jackson Five.

Er greift zur Gitarre, er spielt „Treasure“ und „Billionaire“ von Travie McCoy, Mars schrieb den Song für den Rapper, er mixt ihn mit „I Need A Dollar“ von Aloe Blacc. Natürlich muss er „Marry You“ spielen. Es gibt inzwischen Tausende von Youtube-Videos, wie irgendein Typ in Idaho oder Ingolstadt seiner Freundin, den Song singend oder mit der Familie einstudiert, einen Antrag macht. Mars singt „Berlin, I wanna marry you“, Berlin, ich will Dich heiraten.

Er oszilliert, so auf die Genres pfeifend, zwischen Reggae, Soul und Motown. „Doo-Wops & Hooligans“ so der Titel seines Debüts ist Programm. Doo-Wop ist dieser alte mehrstimmge Dada-Gesang, der Höhepunkt der naiven Popmusik und Mars mischt es mit der Härte eines Hooligans.

Er haut in „Marry You“ ein knallhartes Solo hinein. Sein zweites Album heißt „Unorthodox Jukebox“, und auch das passt ganz gut. Mars ist tatsächlich eine Jukebox, durch alle Stile, durch alle Epochen hindurch. Am Ende ist sogar die Reifenwerbung vergessen.