Weihnachtsklassiker

Nostalgische Traumwelt

„Nussknacker“-Premiere: Ein fesselndes Schauspiel des Staatsballetts

Den Glanz des 19. Jahrhunderts beschwört „Der Nussknacker“ herauf, ein musicalomanes Ausstattungstheater mit üppigen Dekors und opulenten Kostümen, irgendwo zwischen Glanzbildchen und Cinemascope: Das Staatsballett Berlin zeigt eine historisierende Fassung des Weihnachtsklassikers als erste Premiere in dieser Spielzeit. Auf der bonbonbunten Bühne drängen sich beim Applaus weit über hundert Tänzer und Darsteller, von den ersten Solisten des Staatsballetts bis zu den Jüngsten, den 9- bis 16-Jährigen von der Staatlichen Ballettschule Berlin. Für zwei Stunden haben sie das Publikum in eine nostalgische Traumwelt entführt.

Nach der Ouvertüre ist auf dem Bühnenprospekt die verschneite Gasse eines disneytauglichen Städtchens zu sehen. Rechts leuchtet warm der Eingang zum Salon der Familie Silberhaus, die eine großbürgerliche Weihnacht feiern. Kinder und Erwachsene in erlesenen Empirekleidern tanzen vor einem edel geschmückten Baum kleine Reigen oder Paartänze, die Amme döst auf der Chaiselongue. Ein gediegenes Fest. Aufgemischt wird es von Drosselmayer (Michael Banzhaf), einer unheimlichen Figur mit Augenklappe und Magiermantel. Der Pate von Silberhausens Kindern Clara und Fritz führt kleine Zaubertricks und drei mechanische Puppen vor, schenkt schließlich den beiden Kindern einen Nussknacker.

Wie Fritz (Nikolai Petrak) mit Clara um die Holzfigur rangelt und von Drosselmayer am Ohr gezogen wird, als er den Nussknacker zerbricht, das ist schönstes Ballettschauspiel. Und die 12-jährige Sabrina Salva Gaglio von der Staatlichen Ballettschule, die kleine Clara, darf ein reiches tänzerisches und darstellerisches Potenzial zeigen, was am Schluss mit donnerndem Applaus bedacht wird. Dunkle Aspekte von Kindheit und die kriegerische Zeitstimmung zum Ende des 19. Jahrhunderts werden nicht ausgespart: In Claras nächtlichem Traum kämpft die Mäusearmee gegen die Puppen und die Nussknacker-Garde, in einer hochdramatisch inszenierten Balletteinlage, die vom Orchester der Deutschen Oper unter Robert Reimer farbreich geschildert wird. Clara rettet ihren Spielzeugfreund, indem sie einen Pantoffel nach dem Mäusekönig wirft. Als sie weinend über dem verletzten Nussknacker kniet, wechselt die Szenerie: Ein verschneiter Wald umschließt das Paar und hinter Drosselmayers voluminösem Mantel findet ein Figurenwechsel statt. Clara (Iana Salenko) ist nun erwachsen, der Nussknacker in ihrer Imagination zum Prinzen (Marian Walter) verwandelt.

Ein psychologisch angehauchtes Traumszenario: Die Fassung von Vasily Medvedev und Yuri Burlaka ist der Uraufführung 1892 in St. Petersburg nachempfunden. Aber die beiden russischen Gastchoreographen haben dem Libretto von Marius Petipa, das auf einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann beruht, etwas mehr narrative Stringenz verliehen. Schon bei der Uraufführung wurde „Der Nussknacker“ kritisiert, weil der erste Akt reines Handlungsballett ist, während sich im zweiten Akt, der in des Prinzen Reich Konfitürenburg spielt, eine Ballettnummer an die nächste reiht – von Tschaikowsky streng nach Vorlage durchkomponiert.

Auch der Nostalgieversion des Staatsballetts macht diese dramaturgische Zweiteilung zu schaffen. Der erste Akt fesselt, optisch wie musikalisch. Im zweiten Akt gilt es dann das pure Divertissement durchzustehen. Drosselmayer als Zeremonienmeister lässt antreten zum spanischen, orientalischen und chinesischen Danse, choreographisch erfreulich variantenreichen Schautänzen. Federico Spallitta glänzt als biegsames, spärlich bekleidetes Schaustück des orientalischen Tanzes, und als vielbekinderte Mère Gigogne darf sich Martin Szymanski die Nase pudern – ein lustiges Spiel mit Geschlechterrollen. Von dem bunten Treiben ist man schon etwas übersättigt, als endlich Iana Salenko und Marian Walter zu ihrem Pas de deux ansetzen. Aber Salenkos stupende Technik und ihre Anmut beleben noch einmal, ebenso wie die eingespielte Harmonie der beiden ersten Solisten. Bravi aus dem Publikum, eine glanzvolle Premiere.