Roman

Ein skurriler Erstling über liebe Piraten und böse Kinder

Der Engländer Richard Hughes (1900–1976) galt im England der 20er-Jahre als brillanter Kopf, der früh mit Gedichten, Theaterstücken und Hörspielen reüssierte.

Dass dieser Mann schon in jungen Jahren viel von der Welt gesehen hatte, merkte man seinem 1929 erschienenem Debütroman an. Der Dörlemann Verlag, der vor kurzem bereits Hughes’ Roman „In Bedrängnis“ vor dem Vergessenwerden bewahrte, ist es zu verdanken, dass Hughes’ sprachmächtiger, origineller Erstling endlich wieder greifbar ist. Wie sehr man sich bemühen mag: In eine der gängigen Romanschubladen passt dieses Buch wahrlich nicht. Mal kommt es als Seefahrer- und Piratenroman daher, mal meint man es mit einem satirischen Abenteuerroman zu tun zu haben, der die moralischen Vorstellungen aushebelt und zwischen Ernst und Unsinn schwankt.

Um Jamaika und den schroffen Kontrast zwischen den englischen Siedlern und den Einheimischen geht es nur zu Anfang des Romans. Denn die Familie Bas-Thornton wird von einem gewaltigen Sturm überrascht, der es den Eltern sinnvoll erscheinen lässt, ihre zahlreichen Kinder vor weiteren Wetterkatastrophen in Sicherheit zu bringen. Man vertraut die Schar einem Kapitän an, der sie auf seinem Schiff „Clorinda“ wohlbehalten ins Königreich zurückbringen soll. Doch das Schicksal hält sich nicht an diesen Plan, und so werden die Kinder, allen voran die zehnjährige Emily, Opfer einer Kaperung durch Piraten.

Das letzte Stündlein der lieben Kleinen scheint geschlagen zu haben, doch Hughes macht sich einen großen Spaß daraus, alle Klischees auf den Kopf zu stellen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto fraglicher, ob es nicht eine Mär ist, an das Gute im Kind und das Böse im Piraten zu glauben. Emily und ihre Konsorten arbeiten mit allen Tricks, schrecken vor Gewalt nicht zurück und lassen Piratenchef Jonsen alt aussehen.

Viele, nein sehr viele Abenteuer hat diese merkwürdige Schiffsgesellschaft zu überstehen; nicht alle werden die Überfahrt überleben und keiner wird je vergessen, was ihm auf dieser langen Passage widerfahren ist. Denn neben der trinkfreudigen Besatzung tummeln sich an Bord seekranke Tiger, Affen und Schweine. Verschnaufpausen gibt es in diesem Roman nicht, wie auf hoher See. Kapitel für Kapitel lässt Richard Hughes seine Helden auf Hochtouren agieren, und da Michael Walter diesen literarischen Furor in ein glänzendes Deutsch gebracht hat, ist dem Leser jede Möglichkeit genommen, zwischendurch von Bord zu gehen.

Richard Hughes: Orkan über Jamaika. Aus dem Englischen von Michael Walter. Dörlemann Verlag, 255 Seiten, 19,90 Euro