Belletristik

Vielen Dank, das war’s: Ein Abschiedsbrief an das Leben

New York City ist mal Moloch, mal Dschungel, mal stählerner Koloss, mal wildes Versprechen.

New York ist die Bühne, auf der das Scheitern fiktiver Figuren sichtbar wird. Wie im Fall von Sheila Levine, die im New York der beginnenden Siebzigerjahre einer reinen Heiratshölle begegnet. Keinen Tag alt ist die kleine Sheila, als ihre Mutter bereits von der Hochzeit fabuliert, auf der sie als glückliche Frau tanzen wird. Solche und andere Zwänge zum Glücklichwerden machen Miss Levines Leben zu einer steten Enttäuschung. Warum also nicht beschließen, das Zeitliche zu segnen und den geplanten Abgang zu einer amüsanten Pointe machen?

Sheila Levine stolpert so durchs Leben, macht ihren Uni-Abschluss, entledigt sich ihrer Jungfräulichkeit und zieht mit Linda Minsk in eine Einraumwohnung, die aus lauter „fabelhaft nutzbaren“ Nischen besteht. Sie tingelt von einer Party zur nächsten. Äußerst freizügig, um nicht zu sagen promiskuitiv – als „Campus-Matratze“ –, schläft sich Miss Levine durch halb New York, nur um am Ende doch ohne Ring dazustehen. Und was bliebe da anderes übrig, als das Ende zu planen? Doch auch bei den letzten Dingen werden Singles diskriminiert: Es gibt nur Familien- und Paargrabstätten.

Gail Parents Roman „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ erschien 1972. Es ließe sich herrlich darüber streiten, ob diese Figur und ihr romanlanger Abschiedsbrief an das Leben nun die Mutter aller Chick Lit ist – was immer dieses Genre genau sein mag außer einem buchmarketingstrategischen Coup. Verkörpert Miss Levine nicht vielmehr den emanzipatorischen Schulterschluss der 68er-Generation mit dem postfeministischen Zeitalter der Neunziger? Muss sie nicht in einer langen Tradition von literarischen „Frau sucht Mr. Right“-Variationen gesehen werden, die ihren Ursprung bei Jane Austen oder Charlotte Brontë hat? Spürbar ist auch der Einfluss einer Sylvia Plath. Deren Roman „Die Glasglocke“ mit der suizidalen Esther Greenwood wurde erst Anfang der Siebzigerjahre veröffentlicht, und war fast zeitgleich mit „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ ein Bestseller. Eine Übersetzung also, die schon lange fällig war. Man kann eine komplette Literaturgeschichte an dieser Erzählung aufziehen, die nicht nur gute Unterhaltung bietet, sondern ein humoristisch-gesellschaftskritisches Zeitzeugnis erstes Ranges darstellt.

Gail Parent: Sheila Levine ist tot und lebt in New York. Aus dem Englischen von Uta Goridis. Metrolit Verlag, 304 Seiten, 12,99 Euro