Konzertdemokratie

Plötzlich steht Simon Rattle allein auf der Bühne

Ein mutiges Programm: Beim Festkonzert „50 Jahre Philharmonie“ werden die Musiker auch im Zuschauerraum verteilt

Beim Einnehmen der Plätze sind viele Augen in der Philharmonie auf Block A links gerichtet, wo es eine auffällige Häufung von Bodyguards gibt. Dazwischen bewegt sich viel Prominenz, die zum Festkonzert „50 Jahre Philharmonie“ gekommen ist, voran die Bundeskanzlerin. Plötzlich steht Chefdirigent Sir Simon Rattle vorne auf der Bühne, und das ziemlich einsam. Denn die Berliner Philharmoniker kommen einfach nicht dazu. Das Publikum lacht. Einige haben bemerkt, wie die Blechbläser-Ensemble ihre Plätze hoch oben in den Zuschauerrängen bezogen haben. Dem Raumklang ist das Festkonzert gewidmet, die Akustik, die Anordnung des Saales ist berühmt. Hans Scharouns 1963 eingeweihte Philharmonie gilt als Prototyp des demokratischen Musikbetriebs. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn natürlich wirkt der riesige Saal auch wie eine Kathedrale, in der etwas Großes verkündet wird. Zwischen den beiden Polen des konzertierenden Miteinanders und der musikalischen Überwältigung hat Rattle mutig sein Programm angelegt.

Sechs Komponisten werden vorgeführt. Die Philharmoniker wandeln buchstäblich durch Raum und Zeit. Sie tun das unter Rattles akribischer, stilsicherer Führung voller festlicher Spiellust und klanglicher Perfektion. Der Anfang gehört dem Italiener Giovanni Gabrieli, der um 1600 herum die venezianische Mehrchörigkeit, die neuartige Praxis der im Kirchenraum verteilten Musiker pflegte. In der Philharmonie verbreitet das Dutzend Blechbläser jetzt ein bisschen Weihnachtsvorfreude. Ein Appetitanreger.

Der Heißhunger vergeht aber schnell wieder bei der Uraufführung von Wolfgang Rihm. Der Komponist hatte sein Orchesterwerk „In-Schrift“ bereits 1995 an Gabrielis Wirkungsstätte San Marco uraufgeführt. In der Philharmonie folgte Rihms Sequel „In-Schrift 2“, bei dem Musiker im Raum verteilt werden. Ein Stück, um sich den Hals zu verrenken. Der Komponist verzichtet auf helle Geigenklänge, dafür viel Blech und Schlagzeug. Und so düstert es eine Viertelstunde lang vor sich hin, dialogisiert und schichtet sich auf. Wozu auch immer.

Voller Zauber offenbart sich Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis vom Beginn des 20. Jahrhundert. Ein Überfluss an Streichern ist bei dem Briten raffiniert zusammengesetzt. Seine Fantasie ist eine zutiefst melancholische Musik, die sich zum lichten Höhepunkt frei arbeitet.

Die eigentliche Überraschung folgt nach der Pause in der verschlossenen Gestalt der japanischen Pianistin Mitsuko Uchida. Sie verweigert sich schon beim Betreten der Bühne jeder Feierlaune. Sie spielt aus Beethovens Mondscheinsonate den berühmten ersten Satz. Aber sie dimmt ihn so weit zurück, dass das Adagio sostenuto kurz vorm Zerstäuben ist. Unglaubliche Gelassenheit zieht ein in den riesigen Saal. Mitsuko Uchido ist die Seele des Konzerts. Applaus gibt es keinen, denn gemeinsam mit Sir Simon und auf der Bühne verteilten Musikern folgt sofort György Kurtags „...quasi una fantasia...“, ein Stück aus einer anderen Zeit, aber mit ähnlichen Träumen und Gefühlen.

Mächtig zur Sache geht es im Finale: Für Hector Berlioz’ „Grande Symphonie funèbre et triomphale“ kommen unter anderen 21 Klarinettisten, zwölf Hörner, zehn Posaunen, acht Hörner auf die Bühne. 1840 für Militärorchester entstanden, wurde die Symphonie als Erinnerung an die Gefallenen der Juli-Revolution von 1830 uraufgeführt. Auch die in der Philharmonie gespielte Fassung für Militär- und Streichorchester ist eine schlicht laute Ehrung. Das halbstündige Werk mündet in eine Apothèose, beiläufig lernt man, dass Scharouns Saal auch akustisch stark belastbar ist. Am Ende gibt es stehende Ovationen.