Musicalkritik

Trällernd am Rande des Zusammenbruchs

Film von Pedro Almodovar wird in Potsdam zum Musical

O diese Kerle! Immerzu wird angebaggert, Liebe versprochen, Liebe gemacht. Und dann wird sitzen gelassen. Iván ist so einer, so ein verführerisches Miststück: Mitte fünfzig, verheiratet mit Lucia, dazu die heimliche Geliebte Pepa und neuerdings eine zweite Heimlichkeit, für die er Pepa den Laufpass gibt – auf dem Anrufbeantworter. Natürlich sagt er nicht die Wahrheit, sondern faselt von „Auszeit“ und „Zu-sich-Kommen“. Und ahnt nicht, was für ein Chaos seine erotischen Egotrips auslösen. Denn die Betrogenen mit noch immer loderndem Herzen entfesseln – auch aus verletztem Stolz eine wüste Hatz nach dem herumschwänzelnden Luftikus, in die sich obendrein beste Freundinnen, ein gefährlich sexy Terrorist und ungefährlich sexy Telefonmonteur sowie Taxifahrer, Rettungssanitäter, Polizei und Justiz aufs Aberwitzigste verstricken. Aus dieser geradezu irrsinnigen, aber zutiefst menschlichen Raserei ums Liebesglück,machte Pedro Almodóvar 1987 seinen preisgekrönten Film mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, den es jetzt als Musical gibt.

Jeffrey Lane (Buch) und David Yazbek (Musik/ Liedtexte) adaptierten den Kino-Klassiker für den Broadway. Und Stefan Huber inszenierte das New Yorker Erfolgsstück am Hans-Otto-Theater mit wachem Sinn für die bis ins grell Groteske getriebenen traurig-komischen Realitäten des Alltags, durch den die vor Sehnsucht blutenden Frauenherzen wütend und unerlöst toben. Ein zwischen griffigen Latino-Rhythmen und jazzigen Blechbläsern swingender Albtraum (Dirigent der Live-Band: Ferdinand von Seebach), in dem sich Bitterkeit und Süße, Schrilles und Sentimentales, frivole Farce und melancholische Komödie fein mischen auf der von Stephan Prattes fantastisch bizarr bebauten Drehbühne, die für den fliegenden Wechsel der vielen Schauplätze sorgt. Und auf denen die bunte, verwegene Truppe ballert, heult, kreischt, küsst und kopuliert, sich kloppt und böse Wahrheiten gegenseitig vor die Stöckelschuhe knallt. Die unter Krach und Schmerzen schließlich zu neuem Selbstbewusstsein erweckten schrägen Königinnen im Ensemble sind Christiane Hagedorn (Pepa), das Model-Girlie Franziska Melzer als Pepas wilde Freundin, die Gott sei Dank den Selbstmord nicht hinkriegt und flugs sich neu verliebt, sowie – und die vor allem: Andrea Thelemann als Lucia, die herzenswunde Furie mit großer Stimme und trotzige Rächerin aller betrogenen Ehefrauen dieser Welt.

Hans Otto Theater, Potsdam. Termine: 26. und 27. 10.; Karten: (0331) 9811-8