Interview

„Afrika ist mit Klischees und Angst aufgeladen“

Oscar-Preisträgerin Caroline Link über ihre Liebe zu dem Kontinent und den neuen Film

Afrika hat ihr Glück gebracht. 2003 bekam die deutsche Filmemacherin Caroline Link für ihr Drama „Nirgendwo in Afrika“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Jetzt, zehn Jahre und zwei Filme später, kehrt sie wieder auf den Kontinent zurück. Mit dem Drama „Exit Marrakech“, wo ein aufbegehrender Jugendlicher (Samuel Schneider) seinen Vater (Ulrich Tukur) in Marokko besuchen muss, ihm aber ständig davon läuft. Und es braucht erst das fremde Land und die Angst, darin verloren zu gehen, dass die beiden sich aneinander annähern. Mit der Filmemacherin hat Peter Zander gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Zwölf Jahre nach „Nirgendwo in Afrika“ kehren Sie mit „Exit Marrakech“ erneut nach Afrika zurück. Was fasziniert Sie so an diesem Kontinent?

Caroline Link:

Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nordafrika und Schwarzafrika. Klar ist das derselbe Kontinent, aber das sind völlig verschiedene Welten. Dennoch muss ich feststellen, dass ich mich in Afrika immer sehr schnell sehr wohl fühle. Ich habe nicht so viele Ängste da, obwohl es de facto der gefährlichste Kontinent ist.

Filmisch gesehen scheint es ja zwei Afrikas zu geben. Wenn Männer in einem Film über Afrika spielen, dann gehen sie immer durch die Hölle, wenn Frauen spielen, sind das immer Selbstfindungen, Emanzipationen.

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber wie Sie das so sagen, ja das stimmt. Offensichtlich ist der Kontinent aufgeladen mit Klischees und Fantasien.

Das Spannende an Ihrem Film ist, dass er uns in die Irre führt. Erst wähnen wir uns in dem typischen „Männer-Afrika-Drama“: Da geraten ein deutscher Sohn und auch sein Vater immerzu in Situationen, von denen man sofort das Schlimmste erwartet. Das erfüllt sich aber nie. Und dann, nach einer Stunde, wird der Film etwas ganz anderes. Eine Selbstfindung, eine Annäherung – eben ein „Frauen-Afrikafilm“.

Natürlich spiele ich mit diesen Klischees. Ich finde es bemerkenswert, welche Vorstellungen von Aggressivität und potenzieller Gewalt wir Westler in die islamische Welt hineininterpretieren. Klar, in schwarzafrikanischen Ländern wie Kenia ist es wirklich gefährlich. Da ist dämlich, wer nachts allein spazieren geht. In Marokko habe ich eine solche Gefährdung nie empfunden. Dennoch hatten wir Teammitglieder aus Deutschland, die hatten schon Angst, wenn der Muezzin ruft. Vielleicht bin ich da die Naive, aber ich bin in einem fremden Land erst mal gern auf der Suche nach allem, was ich noch nicht weiß. Und dann sehe ich Menschen, die sich permanent berühren, ja in der Menge regelrecht aneinander hängen. Da ist eine große Herzlichkeit, viel Gelächter. Das war mir sofort total sympathisch, da habe ich auch keine Hintergedanken.

Sie sind vor 20 Jahren schon einmal durch Marokko gereist. Haben Sie das Land wiedererkannt?

Das Land hat sich schon sehr verändert. Aber ich bin da sehr auf der Hut, das zu verteufeln. Wenn das jetzt so ist, dass alle Dörfer Elektrizität und fließendes Wasser haben, dann sollte man das nicht bedauern, dass das früher so pittoresk war und sich jetzt alles zum Nachteil verändert hat. Die Leute haben ihr gutes Recht, sich ein besseres Leben zu wünschen.

Ist das selbstverständlich, dort als Regisseurin aufzutreten, noch dazu mit einer Kamerafrau? Oder ist das noch immer exotisch?

Wir waren schon Ausnahmeerscheinungen da. Keine Frauen, sondern Europäerinnen. Ein Neutrum, das da rumkommandiert. Als Frauen haben die uns nicht wahrgenommen. Und es ist schon so, dass sich arabische Männer nur ungern was von Frauen sagen lassen. Da muss man eine Form finden, die die Würde des Anderen wahrt. Andererseits ist das ein großes Filmland, der König investiert ja sehr in die Filmindustrie.

Sie haben schon kurz nach dem Arabischen Frühling für Ihren Film recherchiert. Gab es da je Überlegungen, dass das zu unsicher sein könnte? Dass man das Projekt besser fallen lässt?

In der Vorbereitung hatten wir ein wenig Sorge gehabt, dass es zu Unruhen kommen könnte. Es gab auch viele, die meinten, das könnte auf Marokko überspringen. Aber offensichtlich sind die Menschen doch zum Großteil sehr zufrieden mit ihrer Monarchie.

In Ihrem Film inszeniert Ulrich Tukur Theater in Marrakesch. Einmal wird ihm vorgeworfen, ob das eigentlich angemessen sei, was er da tue in diesem Land. Dasselbe könnte man in gewisser Weise auch Sie als Filmregisseurin fragen.

Sie meinen, dass ich Marokko als Kulisse missbrauche? Das tue ich ja nicht. Eigentlich geht es ja nur um diese deutschen Protagonisten. Marokko spielt einfach eine Rolle, weil sie die emotionale und seelische Not des Jungen dramatisiert. Man hat Angst um ihn. Aber ich würde mir nicht anmaßen zu behaupten, ich wüsste jetzt, wie es in Marokko zugeht. Oder ich hätte das Land von innen beleuchtet. Auch bei „Nirgendwo in Afrika“ habe ich nie die Geschichte von Einheimischen erzählt, ich habe das Land immer aus dem Blickwinkel von Menschen gezeigt, die ich kenne. Alles andere wäre anmaßend.

In Ihren Filmen geht es immer um Kinder, die erwachsen werden müssen, die sich gegen ihre Eltern durchsetzen müssen. Was reizt Sie immer wieder an diesem Thema?

Ich glaube ja immer, ich benutze nur die Institution Familie, um über das Leben zu erzählen. Weil sich in der Familie die Gesellschaft spiegelt. Ich denke gar nicht so sehr an Filme ums Erwachsenwerden.

Aber Sie nehmen schon immer die Perspektive der Jüngeren ein. Bewahren Sie sich damit einen filmisch unschuldigen Blick?

Ich glaube, das lässt langsam nach. Je älter ich werde, umso älter werden ja auch die Kinder in den Filmen. Ich habe mich bis vor noch nicht allzu langer Zeit den Jüngeren immer näher gefühlt. Das kann ich jetzt nicht mehr behaupten. Jetzt bin ich ja selbst Mutter und sehe die Welt schon eher aus der Elternperspektive.