Theater-Kritik

Kung-Fu-Meister umtanzt eine Cellistin in der Parochialkirche

Seit 16 Jahren gibt es die Zeitgenössische Oper Berlin.

Ihr Leiter Andreas Rochholl ist ein streitbarer Mann, nicht nur, wenn er sich kulturpolitisch äußert und mehr Aufmerksamkeit fordert. Die neueste Produktion der Zeitgenössischen Oper trägt den merkwürdigen Titel „Sphenoid“. Eingeleitet wird das Ganze in der Vorhalle der Parochialkirche mit einem medizinischen Exponat in einer Vitrine: Das Keilbein („Sphenoid“) ist der titelgebende menschliche Schädelknochen. Er trägt den Sehnerv zum Gehirn, sorgt somit auch für seine Verbindung mit den übrigen Sinnen wie dem Hörsinn. Ein Programmheft wird den Besuchern zunächst vorenthalten – man solle sich auf die Klänge einlassen, vorurteilsfrei. Mutig, denn so ist die Inszenierung gezwungen, für ein wild zusammengewürfeltes Publikum von Anfang an so zwingende Zusammenhänge und gemeinsame Assoziationen zu schaffen, dass sich jede Erläuterung erübrigt.

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn eine junge Cellistin ohne erkennbare inhaltliche Funktion eine schwierige Sonate von Ligeti spielt und dabei von einem muskulösen fernöstlichen Shaolin-Kung-Fu-Meister umtanzt wird, wenn sich gleich danach eine Tänzerin zu einer Klavierimprovisation exaltiert auf dem Flügel räkelt, dann kann man dies nicht frei auf sich wirken lassen. Für die Möglichkeit zur freien Assoziation wirkt das szenisch zu vereinnahmend, zu direktiv – und will doch offenbar keine konkrete Bedeutung haben. Mit dem Dialog zwischen Musik verschiedener Stile, eingeschlossen Klezmer und Chanson, und Tanztheater verschiedener Couleur geht es weiter – spannender oder inhaltlich fokussierter wird es nicht. Die Behauptung, dass Hören und Sehen hier nur durch die Kraft des Publikums zu einer Synthese führen könnten, bleibt esoterisch. Musiktheater, gar „Zeitgenössische Oper“ ist das leider nicht.

Parochialkirche Mitte, Klosterstraße 67 (unbeheizt, warm anziehen) Termine: 16., 17., 18. und 20.10. um 20 Uhr