Kunstsache

Britischer Humor

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Mancher Schuhladen könnte sich hier mal ein Beispiel nehmen für eine flotte Deko, sagt Emma und betrachtet die XXL-Stilettos auf weißen Sockeln in einem Ladenfenster. Volles Fettnäpfchen! Es handelt sich bei den wilden Stöckeln nicht etwa um ein Warensortiment, sondern um eine Galerie mit den „Big Shoes“ von David Shrigley. „Nice“ leuchtet eine Neonreklame am Eingang. Irgendwann blinkt ein „Not“ dazu auf.

Das wäre alles schön und gut, die Schuhe sind aus glasierter Keramik und bunt anzuschauen, halt poppig wie bei Warhol. Wäre da nicht die Sache mit den Sockeln und der Hundescheiße, die der Künstler doch glatt aus edler Bronze gegossen hat und brav inmitten der Schuhe drapierte. Immerhin wurde die Arbeit extra für Berlin entworfen, und alle Berliner kennen das Ekelthema Tretmiene nur zu gut. Wer weiß, der Mann hat selbst auch einen Hund.

So ist David Shrigley, man ahnt nichts und schon wird es böse und/oder banal. Wir stellen uns Shrigley als eine Mischung von Monty Python und Mister Bean junior vor, in Wirklichkeit sieht der Brite, wohnhaft in Glasgow, mit seinen 45 Jahren eher aus wie ein hochwohlerzogener Internatsschüler aus Screwsbury. Er sitzt dann, oft spät am Abend, vor seinen vielen, vielen weißen Blättern, so erzählt er es in Interviews, und lacht die Dinge hinweg, – das würde ihn erleichtern. Manchmal fände er sich dann erst am nächsten Nachmittag wieder vor seinen Papieren, noch mit Schlafanzughose an und, ja, ungeduscht. Aber er zeichnet ja nicht nur, eben auch Skulpturen, Gemälde, Animationen, Texte und Fotografien gehören zu seinem Werk.

Jedenfalls steht der Künstler in London gerade hoch im Kurs, er ist für den diesjährigen Turner Preis ausgezeichnet. Ein Werk findet die Jury ganz besonders: Einen ausgestopften Terrier mit einem Schild „Ich bin tot“ zwischen den Pfoten. Die Chancen seien nicht schlecht, heißt es an der Themse. Lange wurde er auf dem Kunstmarkt übersehen, es liegt daran, mutmaßte kürzlich eine Kuratorin, dass man „seine Werke immer als reinen Spaß gesehen hat“. Falls er gewinnt, können die Briten stolz sein, Shrigley ist sehr britisch. Sein Humor ist ungemein trocken, schwärzer geht es kaum. Die Leser des „Guardian“ kennen ihn ohnehin, dort liefert er Cartoons. Die werden auch in Buchform veröffentlicht und auf Postkarten.

Die Motive mit den einfachen Formen, den erfrischend kindlichen Rechtschreibfehlern und naiven Durchstreichungen kennt wohl jeder, zumindest drehen sie sich in Kreuzberg in fast jedem gut bestückten Postkartenständer. Da steht man dann davor und zieht in etwa so ein dummes Gesicht wie Mr. Bean, weil man nicht weiß, ob man nun wirklich lachen soll über diese fiesen, faden Abgründe unseres absurden, kleinen (Medien)Alltags. Da sitzt ein Typ vor seinem riesigen Laptop: „You have NO fucking E-mail“ heißt es. Der Typ ist dem Wahnsinn nah.

Musiker mögen Shrigley, auch Damon Albarn, für dessen Band Blur der Künstler ein Video zeichnete, ebenso wie für Bonnie Prince Billy. In einer britischen Tageszeitung las Emma, dass manche Girls seine Motive lieben und sie sich auf die blasse Haut tätowieren lassen. Manchmal schicken sie ihm ein Foto davon. Mittlerweile hat er viele, nun stellt der Brite sie auf seine Website.

Bei BQ sind auch Malereien Shrigleys zu sehen, enttäuschend, gerade hier kommt der Humor reichlich dünnhäutig daher. „I hate Paradies“ – zu erkennen sind nur ein paar dürre Palmen und eine grell lodernde Sonne. „Democracy“ zeigt eine Gruppe von Geistern, die aus dunklen Augenlöchern in die Leere glotzen. Pardon, Mr. Shrigley, ein bisschen mehr Boshaftigkeit hätten die Berliner schon vertragen.

(Galerie BQ, Weydingerstr. 10, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 26. Oktober)