Lesung

„Meine Witze kapiert keiner“

Sibylle Berg tritt heute im Haus der Berliner Festspiele auf. Ein Gespräch über boshafte Menschen und ihren Endspurt des Lebens

Der Flug Zürich-Berlin war fünf Stunden zu spät, der Grüntee-Teebeutel ist ohne heißes Wasser nichts wert und dieser Teppich, nein diese „Auslegware“, sieht für Sibylle Berg so aus, als würde er bei Menschen dazu führen, dass sie beim Begrüßen einen kleinen Stromschlag bekommen. „Kann ich die Hand denn berühren?“, fragt sie zur Begrüßung, streckt zweifelnd ihre eigene Hand aus, wirft daraufhin ihren Mantel („Der war teuer!“) auf die Couch und fügt noch an: „Aber nicht aus dem Fenster werfen, Sie sehen so aus, als werfen Sie Mäntel aus dem Fenster.“

„Die ist doch sonst so böse“

Hilfe! Zum Glück wird sie nur wenige Minuten später diese Sätze als unterhaltsame Pose auflösen, als kleine Leuchtraketen, die Sibylle Berg, Autorin, Regisseurin und Viel-Twitterin, abschickt um zu sehen, wie andere reagieren. Später wird sie sich zurücklehnen und sagen, dass sie sich vorgenommen habe, nicht mehr zu jammern. Nicht über Flugverspätungen, hässliche Teetassen oder böse Kommentare im Internet. „Jedes mal, wenn ich mich etwas ärgert“, sagt sie, „hole ich den Sensenmann raus.“ Der Tod relativiere doch viel. „Ach komm“, sagt sie noch, „in 40 Jahren ist spätestens alles vorbei, worum kann es bis dahin noch gehen, doch nicht darum, ein tolles Erbe zu hinterlassen.“

Sibylle Berg arbeitet aber genau an diesem Sonntag daran, dass sie in den Köpfen von Berlinern etwas hinterlässt. Statt auf der Buchmesse in Frankfurt zu sein, debütiert sie am Haus der Berliner Festspiele mit einem neuen Format. Ab 16 Uhr wird sie den Auftakt gestalten von „Ein Tag mit…“, eine vierteljährlich geplante Nachmittags- bis Abendveranstaltung. Beim „Tag mit Sibylle Berg“, darf sie ihren „Kosmos“ vorstellen, also Freunde, Weggefährten, Inspirationsquellen, Musik, Film und sicherlich: Texte, Texte, Texte. Die Schriftstellerin Helene Hegemann wird einen Sibylle-Berg-Text vortragen, der Grünen-Politiker Volker Beck, Moderator Max Moor und Autorin Thea Dorn werden mit Sibylle Berg diskutieren und ab 20 Uhr gibt es noch eine „Silvestergala“ mit unter anderem den Schauspielern Matthias Brandt und Katja Riemann und dem Spielmannszug Pankow.

Obwohl Sibylle Berg im Mittelpunkt steht, ihr Name auf Plakaten und Flyern groß gedruckt ist, will sie lieber hinter ihren Gästen zurückstehen. „Ich habe schon auf meine Lesungen meist Freunde mitgenommen“, sagt sie, „ich selbst habe doch gar nicht so viel zu sagen.“ Als sie im März in Berlin ihren aktuellen Roman „Vielen Dank für das Leben“ vorstellte, trat sie schon einmal mit Katja Riemann, Matthias Brandt und einem Streichorchester auf. Mit Formaten wie diesen, sagt sie, gehe es in die richtige Richtung. So könne sie sich auch zurückziehen – und wenn jemand im Publikum laut werde, kümmere sich ihr Co-Moderator Olli Schulz. „Und ganz ehrlich“, sagt sie, „meine Witze, so sie überhaupt witzig sind, kapiert immer keiner.“ Viele wunderten sich dann: „Die ist doch sonst so böse, können wir jetzt lachen?“

Das könnte daran liegen, dass viele sie eben sehr ernst nehmen. In ihren Büchern werden Kinder an Heizungsrohre gefesselt, mit glimmenden Zigarren gequält oder auch mal als Sklaven verkauft, in ihren Zeitungsartikeln erzählt sie davon, wie sie einmal von Rebellen in Kambodscha entführt wurde. Und in ihrer Kolumne für Spiegel online kommentiert sie jeden Sonnabend sehr ernste Dinge wie Prostitution, Lärmbelästigung und Selbstmordattentäter. Das daraus erschienene Buch trägt den Selbsthilfe-Titel: „Wie halte ich das nur alles aus“. Unter ihren Online-Kolumnen aber stehen häufig Hunderte Kommentare – meist anonym und immer wieder auch beleidigend. Dabei ist sie Feedback gewöhnt, als langjährige Twitter-Nutzerin baut sie einen engen Kontakt zu ihren Lesern auf, antwortet schnell auf Fragen und wünscht ihren derzeit 30.874 Followern oft eine gute Nacht. Sie nennt sie dann: „Meine Büschellöffel“, „Backenmümmler“ oder „Zottlige Bauchfaltler“.

Im Internet, sagt sie, sei sie zu Hause. „Ich bin am Computer immer sehr glücklich, und wenn ich könnte, wäre ich Hacker geworden.“ Sie mag die Möglichkeiten des Netzes, Menschen zu verbinden. „Da gibt es jemanden, der sich gern als Stofftier verkleidet und dachte, er sei allein damit, plötzlich merkt er, da gibt es noch viele mehr.“ Andererseits ist eben auch das Beleidigen viel leichter. Deshalb bewundere sie Helene Hegemann, die nach der Veröffentlichung ihres Buches „Axolotl Roadkill“ viel aushalten musste. „Da gab es so viele boshafte Leute“, sagt sie, „ich hätte das nicht überlebt.“ (Der Tod, der Tod!) Es könne auch daran liegen, dass Frauentexte anders wahrgenommen werden als Männertexte. Frauen könnten nicht die Welt erklären, sondern nur über Befindlichkeiten schreiben. „Das ist langweilig, ich werde tot sein, bis sich das ändert.“

Der Sensenmann taucht oft auf, wenn man mit Sibylle Berg spricht, die Endlichkeit von allem. Schon in ihrem ersten Buch: „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ war er auf dem Titel. Damals stand im Klappentext noch, dass ihre Leser doch bitte ein Haus im Tessin mitfinanzieren sollen. Inzwischen wohnt die in Weimar geborene Sibylle Berg wirklich in der Schweiz, hat deren Staatsbürgerschaft angenommen und spricht bei Fernsehauftritten fließend Schweizerdeutsch. Sie steht dem hohen Zürcher Lebensstandard (der teure Mantel!) aber nicht unkritisch gegenüber, wie allen ungerechten Systemen. Am liebsten würde sie nur noch zu Hause bleiben, sagt sie. In Zürich und im Internet.

„Und dann sterbe ich“

Gereist sei sie genug, Tel Aviv, Bangkok, Bangladesch... Bangladesch, da kann sie wieder wütend werden und reden, wie in ihren Kolumnen, mit vielen Kommata: „Frauen in Bangladesch werden da reingeboren und wissen, sie kommen da nicht mehr raus, sie werden zehn Kinder und 50 Fehlgeburten haben, sie werden auf einem Müllhaufen leben und sich von ihrem Mann verprügeln lassen, sie werden keine Liebe sehen, weil Liebe nicht an Orten gedeiht, wo Angst ist, Angst, vergewaltigt zu werden. Sie werden natürlich hormonbedingt ihre Kinder lieben und nach drei Jahren schicken sie die doch zum Steine-Schleppen.“

Kein Wunder, dass Sibylle Berg Angst hat, bei Berührungen einen Stromschlag zu bekommen. Oder auszuteilen? Aber mit Wut im Bauch kämpft sie jetzt auf Bühnen und in Texten gegen Dinge, die schief laufen in der Welt. Derzeit probt sie ein Stück, dass im November im Maxim Gorki aufgeführt werden soll. Auch deswegen wird sie öfter in Berlin sein.

Von Berlin kennt sie vor allem den Süden der Stadt. Sie war im Alter von 20 Jahren längere Zeit im damaligen West-Berlin, nachdem ihr Ausreiseantrag 1984 bewilligt wurde. Sie ging in Marienfelde auf eine Schauspielschule, die sie Richtung Hamburg verlies. Sie hat wenig guten Erinnerungen an diese Zeit und fühle sich jetzt wie auf dem „Endspurt ihres Lebens“, auch wenn sie noch nicht 88 Jahre alt sei und es ihr blendend gehe. Sie schreibt an einem weiteren Roman, will noch zwei Theaterstücke inszenieren, Dramaturgie unterrichten. „Und dann“, sagt sie mit einem Grinsen, „sterbe ich.“ Vielleicht ist der Tod nur ein Witz, den keiner versteht.