Fernsehen

Hannibal hat wieder Blut geleckt

Die allseits bekannte Thriller-Rezeptur wird auf Sat.1 erschreckend verführerisch serviert

Man nehme: Einen offensichtlich grenzwertig sonderbaren Ermittler mit irgendwie kriminalpsychologischer Vorbildung, wegen seiner Schrullen so unbrauchbar für Büroarbeit, dass er nur in ganz üblen Notfällen vom Alte-Schule-Haudrauf-Abteilungsleiter als Experte gebucht wird. Dazu eine endlose Reihe kunstvoll zugerichteter Mordopfer, die an den sonderbarsten Fundorten kredenzt werden, auf dass eine Hundertschaft Wachtmeister nur verwirrt in ihren Aktenbergen herumstochern kann. Und als hinterhältig vergiftetes Sahnehäubchen der Geschichte einen Serienmörder, der sich einen Spaß daraus macht, den Gesetzeshütern unter die Nase zu reiben, wie unendlich viel klüger er ist. Dass sie ihn noch nicht mal erkennen oder gar fassen würden, wenn er Teil ihres Ermittlungsteams wäre und ihnen hin und wieder eine warme Mahlzeit mitbringt. Bei „Hannibal“, der x-ten Variation dieses vielfach bewährten Thriller-Rezepts, ist genau das der Fall. Der Mörder ist ansonsten ja immer der Gärtner.

Hier ist es der als Berater mitwirkende Edel-Psychologe Dr. Lecter, der sich in seinem Luxusloft gern etwas Ausgefallenes und Exquisites fürs Hüngerchen zwischendurch in die Pfanne wirft, während im Hintergrund Bachs Goldberg-Variationen erklingen, natürlich die Glenn-Gould-Einspielung, und dazu hin und wieder seine neuen Freunde vom FBI einlädt. Die NBC-Serie (von Donnerstag an läuft sie in Doppelfolgen auf Sat.1) über den Delikatess-Schlitzer Hannibal Lecter dürfte, um kurz noch im Wortspiel-Bereich zu bleiben, nicht ganz nach jedermanns Geschmack sein. Gerade das macht sie so erschreckend verführerisch.

Sie erzählt viele schöne Geschichten über den noch jungen Hannibal Lecter, noch vor der Vorgeschichte vom „Schweigen der Lämmer“, jener brutal subtilen Verfilmung von Thomas Harris’ Roman, die der Kinogeschichte mit Anthony Hopkins und Jodie Foster 1991 eines der faszinierendsten Paare aller Zeiten bescherte. Hier sieht man Lecter bei seinen Fingerübungen auf dem Weg zur Perfektion über die Schulter. Und „Hannibal“ erzählt diese Geschichten mit einer Liebe zur optischen Sorgfalt beim Servieren der Untaten, dass man nur staunen kann beim Ekeln.

Die Raffinesse beim Auftischen geht weit über das Maß sonstiger TV-Produktionen hinaus. Blut spritzt nicht nur, es schwebt mit der Präzision einer Kunstflugformation durchs Bild. Leichen werden so wohlfeil inszeniert und beleuchtet wie Kunstinstallationen in einer noblen Galerie. Und die Bildsprache, mit der sich Lecter (diesmal verkörpert von Bond-Gegenspieler Mads Mikkelsen), ganz bei sich und stoisch tiefenentspannt, seine Mahlzeiten zubereitet und dabei von der Kamera bewundert wird, ist vom Feinsten. Die Serienmacher um den Autor Bryan Fuller („Heroes“, „Pushing Daisies“) haben den spanischen Starkoch José Andrés, Schüler von Ferran Adrià, als kulinarischen Berater engagiert, damit ja alles seine Richtigkeit hat am Herd. Solange man großzügig über tischtuchflache Dialoge hinweghört, ist eins klar: Seit David Finchers Kino-Meisterwerk „Sieben“ wurde nicht mehr so opulent gemeuchelt.

Hannibal Sat.1, ab morgen immer donnerstags, 22.15 Uhr in Doppelfolgen