Gedenken

Der Jahrhundert-Ringer

Patrice Chéreau war im Theater, in der Oper und im Kino zu Hause. Jetzt starb der Universalregisseur mit 68 Jahren in Paris

Das sonst hagere, zerfurchte, vom Denken wie Genießen gezeichnete Gesicht war schon sehr aufgeschwemmt. Seine unnatürliche Körperfülle verbarg er unter weiter Kleidung. Trotzdem verbeugte sich der 68-jährige Patrice Chéreau, Frankreichs Kunstnationalschatz, bei jeder der von ihm in diesem Sommer inszenierten „Elektra“-Vorstellungen beim Festival in Aix-en-Provence. Er wollte teilhaben, am Applaus des Publikums, das sich jedes Mal jubelnd erhob, aufgenommen werden in die Reihe der ihn bewundernden und ihn liebenden Künstler, die wiederum er so bewunderte und liebte, dass es für ihn nie einen Unterschied machte, in welchem Genre er seine Kunst inszenierte.

Seine Ersatzfamilie war die Bühne

Er hatte hier sogar noch einmal Veteranen aus seiner größten Tat, der bis heute Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ geheißenen und gerade in diesem Castorf-Sommer wieder als Vergleich und Marke viel beschworenen Inszenierung der Wagner-Tetralogie 1976, um sich versammelt. Sie waren, das darf man sagen, seine Ersatzfamilie, so wie auch Waltraud Meier, seine „Wozzeck“-Marie, seine Isolde und jetzt seine Strauss-Klytemnästra.

Da ging es ihm schon nicht gut, er konnte nicht alle Proben leiten, so wie auch bereits vor zwei Jahren bei der Berliner Verpflanzung seiner – wie jetzt die „Elektra“ – um die Welt reisenden Inszenierung von „Aus einem Totenhaus“ von Leos Janacék. Er hat trotzdem weitergemacht. Die Bühne, das Theater und die Oper, das waren, mehr noch als der Film, im wahrsten Wortsinne sein Lebensinhalt. Deshalb wohl auch hatte er, der sonst sehr langsam arbeitete, bis zuletzt bereits wieder an Shakespeares „Wintermärchen“ geprobt; mit seinem langjährigen Freund Stéphane Lissner, der im nächsten Sommer die Opéra National in Paris übernimmt, war zur Eröffnung Schönbergs „Moses und Aron“ geplant. Doch am Montag ist Patrice Chéreau seinem Lungenkrebs erlegen.

Und die Nation trauert, die Zeitungen bereiten sogar Sonderausgaben vor. „Frankreich verliert einen seiner größten Künstler, auf den es in der ganzen Welt stolz gewesen ist“, sagte Staatspräsident François Hollande. „Ein Meister ist verstummt“, twitterte Gilles Jacob, der Leiter des Filmfestivals von Cannes, wo Chéreau Dauergast war, ebenso wie in Venedig und auf der Berlinale, wo er mit seinem sexuell radikal offenherzigen Kammerspiel „Intimacy“ 2003 den Goldenen Bären gewann.

„Clarté“, was im Französischen nicht nur Klarheit und Transparenz meint, sondern durchaus auch geistige Strenge, Gerichtetheit, auch Ehrlichkeit, das verband sich mit Patrice Chéreaus so großer, aber auch so intimer, so skrupulöser, dabei oft kaum merklichen Kunst der Menschenführung. Der Mensch als Individuum, auch als trauriger Wagnergott Wotan oder „verletzter Mann“, so der Titel seines ersten bedeutenden Filmes von 1983 (der im Deutschen mit „Der verführte Mann“ übersetzt wurde), er stand immer im Mittelpunkt des Kunstwollens von Patrice Chéreau.

Eine Kunst, die sich in den fast 50 Jahren dieser so außergewöhnlichen wie universellen Karriere kaum verändert hat. Chéreau war dabei nie modisch, immer nur er selbst, deshalb konnte er auch nie unmodern werden. Er war, vielleicht konnte das nur noch im Frankreich der Siebziger geschehen, wo allen soziopolitischen Aufbrüchen zum Trotz das kulturelle Erbe dieser einst so vorbildlichen Nation noch in allen Bereichen spürbar war, ein Klassiker – schon in sehr jungen Jahren.

Und er ist es bis zum Tod geblieben. Seine „Elektra“ von 2013 sah bei aller Meisterschaft im Detail kaum anders aus als sein „Ring“ von 1976 – und das nicht nur, weil er seither den minimalistisch kühl-grauen architektonisch durchgestalteten Bühnenbildern von Richard Peduzzi die Treue gehalten hatte.

Der am 2. November 1944 im nordwestfranzösischen Lézigné geborene Sohn eines Malers und einer Zeichnerin war immer schon ein Augenmensch, gleichzeitig ein Purist, nie einer, der nur schwelgte, sondern der analysierte. Das französische Dekorationstheater war ihm fremd, doch es durfte nie vom Intellekt getrennt sein. Er liebte immer schon die deutsche Kultur, und er liebte das Spielen. Vom eigenen Akteursein (wohin er immer wieder zurückkehrte, am unvergesslichsten in einer Wiederaufnahme von „Dans la solitude des champs de coton“) distanzierte sich Chéreau schnell, er wollte verantwortlich sein für das Ganze, das Bild, die Darstellung. Schon mit 19 Jahren galt er in Frankreich als Theaterwunderkind, mit 22 wurde er 1966 Direktor des Theaters in der Pariser Vorortgemeinde Sartrouville.

Natürlich wollte auch er in dieser bald sehr studentenbewegten Zeit politisches Theater für alle machen, doch schon nach kurzer Zeit erkannte er, dass er selbst mit seinen revolutionären Ideen nur eine Elite erreichte. So blieb Patrice Chéreaus Theater bei aller Zugänglichkeit immer auf einem abgeschotteten Podest der Kunst; so einfach es sich mitunter gab, auch wenn er sich später in den die Theaterwelt im Sturm nehmenden Stücken seines zeitweiligen Lebensgefährten Bernard-Marie Koltès in die Schattenwelt der „Einsamkeit der Baumwollfelder“ oder in „Die Nacht des Negers und der Hunde“ aufmachte.

Seine frühen Theaterjahre waren von einer enormen Produktivität gezeichnet, neben Tschechow und Shakespeare inszenierte er auch Jean Genet, Heiner Müller und Botho Strauß. Am populärsten wurde 1988 sein klassisch schlichter „Hamlet“, der auch in Deutschland gastierte. Chéreau-Inszenierungen waren immer überraschungslos großartige Ereignisse. Verlässlich, vertraut, Wegmarken.

Oft war ein düsterer, bitterer Zug in seinen Arbeiten zu finden. Chéreau nahm das Leben um sich herum ernst, ob politische oder persönliche Vorgänge, er äußerte sich, er reagierte. Er haderte beispielsweise stets mit der Oper, hasste den Betrieb, ließ sich aber immer wieder von ihm verführen. Weil er offen, weil er verführbar war: durch Geschichten, durch Menschen. Immerhin, in seiner „Elektra“ wird sie uns noch einmal wiederbegegnen: in Mailand, Helsinki, New York, Barcelona und Berlin.