Auszeichnung

Die natürliche Siegerin

Eine gute Wahl: Die Berliner Autorin Terézia Mora gewinnt den Deutschen Buchpreis

Erst die Arbeit, sagt ein schönes und wahrscheinlich protestantisches deutsches Sprichwort, dann das Vergnügen. An diesen Satz hält sich seit 2005 die Verleihung des Deutschen Buchpreises im Frankfurter Römer. Man könnte es auch kurz machen und einfach den Sieger bekannt geben (andere Länder machen das so mit den Preisen für ihre besten Romane). In Deutschland hält erst der Börsenvereinsvorsteher eine Rede und Filmporträts der Kandidaten werden gezeigt, bis dann in einem schnöden Satz das in diesem Jahr ausgesprochen erfreuliche Ergebnis in der Welt ist: Die in Ungarn geborene und in Berlin lebende Terézia Mora erhält die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres „Das Ungeheuer“ und ein Preisgeld von 25.000 Euro.

Terézia Mora enthielt sich des Jubels am Ende. Relativierte. Was für einen Roman spreche, könne auch gegen ihn sprechen, sagte sie. Aber so richtig viel an Einwänden wollte einem im Fall vom „Ungeheuer“ gerade nicht einfallen. Der dritte Roman der 1971 in einem ungarischen Dorf geborenen Mora war schlicht der natürliche Sieger. Und endlich wieder eine Entscheidung, über die nicht nur (wie der Jurysprecher Helmut Böttiger betonte) jeder in der Jury glücklich ist, sondern alle sein können.

Getrennte Welten

Nicht schlecht für einen Roman, der sozusagen zweispurig in die Hölle fährt. Denn „Das Ungeheuer“ erzählt von einer Linie. Einer gottverdammten Linie. Von links nach rechts zieht sie sich über jede der siebenhundert Seiten. Sie trennt die Ober- von der Unterwelt, diese gottverdammte Linie, trennt die Erzählung über die Lebenden von der über die Toten. Trennt das glückliche Paar Darius Kopp und Flora Meier, das gar nicht glücklich war, wie Orpheus von Eurydike. Darius, den Don Quichotte der Netzboheme, und Flora, der Dulcinea der Hölle namens Depression.

Flora Meier und Darius Kopp hätte man kennen können aus Moras vorherigem Buch, dem Finanzcrash-Kommunikationskatastrophen-Liebesroman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (mit dem sie 2009 auf die Longlist des Buchpreises gekommen war). Da glaubten sie sich im Paradies. Und Terézia Mora ließ es zerplatzen wie eine Börsenblase. Eine Woche verbrachten wir mit Flora, die eigentlich Teodora heißt und Blumen mag, das Gehen und die Beete, und Darius, dem die Welt nicht auf die Pelle rücken darf. Von Freitag bis Freitag im September 2008 lebten wir mit ihnen in Berlin, sahen ihnen zu, wie sie sich entliebten.

Flora, der Kellnerin und Übersetzerin, die nicht nur ihre ungarische Herkunft mit Terézia Mora teilt, sondern auch ihr Geburtsjahr, ihre Profession und ihre Initiale, und Darius, dem dickleibigen, ostdeutschen IT-Experten, der für ein britisch-amerikanisches Unternehmen namens Fidelis Wireless drahtlose Netzwerke verkaufen soll.

In einem quecksilbrigen Ton, in grazilen, leichtfüßig die Zeiten, die Perspektiven, die Stimmen wechselnden Sätzen hatte Terézia Mora einen ganzen Chor erzählen lassen von Darius und Flora und der Welt auf dem Weg in die Krise. Von der großen Liebe gegen alle Chancen, über alle Unterschiede hinweg. Vom Paradies. Und wie es verloren ging. Wir erwähnten es schon.

Als es jetzt losgeht ins Reich des Ungeheuers, scheint das Paradies noch vollkommen in Takt, im Takt zu sein. Darius und Flora zerwühlen Laken – Brüste, Düfte, Sex. Eine Szene, wörtlich übernommen aus dem „Einzigen Mann“. Und eine Schimäre. Denn Flora ist tot. Zuletzt hatte sie – arbeitslos wie Darius – am Waldrand gelebt in einer Hütte. Einen harten Winter lang. Darius, der eigentlich keine Welt braucht, jedenfalls keine, die man wirklich fühlen, berühren kann, hat sie immer wieder besucht. Im Frühling hatte sie sich dann aufgehängt. Und nun hat Darius eine Urne mit ihrer Asche im Gepäck. Und er hat Dateien. Die waren auf Floras Computer. Die Urne will er begraben. Die Dateien lässt er übersetzen. Flora hatte sie – da schon fühlte sich Darius zum ersten Mal postum betrogen – auf Ungarisch geschrieben, Flora war fremdgegangen mit einer Sprache, einer Kultur, einer Vergangenheit, von der sie sich, so dachte Darius, eigentlich getrennt hatte.

Zehn Monate hat er zwischen Pizza und Fernsehen in einem zugemüllten Loch zugebracht, im tiefen Tal der Trauer, weil er alles verloren glaubt, dann bricht er auf in die Welt, besser gesagt, er wird mit sanfter Gewalt hinausgeschleudert. Wie es ihm ergeht auf dem Weg nach Ungarn und von da aus immer weiter an die Ränder Europas und über sie hinaus, mit den Überresten seiner Gattin in einer Pappurne, und wie es Flora ergangen ist in ihrem Leben, mit ihrer Krankheit, von der Darius nichts wusste und die mit vollem Namen rezidivierende depressive Störung heißt, davon erzählt Terézia Mora in einer literarischen Splitscreen-Technik, an der sich schon viele versucht haben, die aber selten so makellos funktioniert hat wie hier.

Oberhalb der gottverdammten Linie liest man von Darius und seiner Odyssee. Unterhalb liest man lange gar nichts, dann immer mal wieder den Inhalt der versprengten Dateien Flora Meiers. Oberhalb geht es so weit chronologisch, wie Terézia Mora, diese auch literarische Bewegungsneurotikerin, überhaupt chronologisch erzählen kann, durch den Kopf von Darius, sein Leben mit Flora und immer weiter gen Osten an den Fuß des Ararat und zurück zum Ätna.

Unterhalb finden sich Krankheitsbilder, Ausraster, Rezepte, Übersetzungen, Lyrik, Filmlisten, Beipackzettel, Splitter aus Floras Biografie des Schmerzes und der Einsamkeit, von der Zeit als „Niemandskind“, von Missbrauch, Abtreibung, vom Leben und dem Kampf mit dem Ungeheuer („Ich gehe auf der Straße und habe das Gefühl, jeder, dem es einfiele, könnte einfach in mich hineingreifen“). Ein furchterregendes Dokument. Nur im „Unendlichen Spaß“ von David Foster Wallace stehen Sätze, bei denen man eine ähnlich präzise Ahnung davon erhält, wie es sich anfühlt im Innern einer sich stetig verdunkelnden Seele.

Je weiter Teodora Flora Meier dem Tod entgegen geht in ihrer Unterwelt, desto weiter driftet Darius vom alten Leben weg, ins Licht, ins Erwachsensein. Fürsorgliche Erinnyen kümmern sich um unsern dicken Stehauf-Orpheus. Frauen, die aussehen wie Flora und ihn aus allen Notlagen retten, Männer, die sein Auto reparieren. Sie geben ihm Obdach, sie pflegen ihn gesund, sie lassen ihn gehen.

Sie korrespondieren nicht direkt miteinander, die Parallelwelten des „Ungeheuers“. Wie liest man das? Wie jeden Roman. Hintereinander weg, quer, springend zwischen den Ebenen. Wie man mag. Und egal, wie: Man wird erschüttert und getröstet und die Ahnung nicht los, dass sie nicht ausgeschrieben ist, die Geschichte des Darius Kopp, der das Paradies, die schönste der Frauen für immer im Kopf hat. Und die Hölle.