Bühne

Kleiner Versager trifft auf Musterschülerin

Grips-Theater zeigt das Stück „Die Prinzessin und der Pjer“

Ein wenig verlegen wird man schon beim Zuschauen: Da sitzt tatsächlich ein Grundschulkind auf der Toilette. Natürlich sieht man das nicht ganz, nur ein Paar Glitzerschuhe, die nervös in der Toilettenkabine hin- und herwackeln. Dann rauscht die Spülung: Heraus stolpert kurzatmig Lisasophie, mit Kurzhaarschnitt, Leopardenleggins und überdimensionaler Handtasche rast sie aus der Mädchentoilette und vergisst dabei ihren bunten Geigenkoffer. „Oh my God“, ruft sie und zieht schnell ihren Lippenstift nach. Ausgerechnet im Waschraum wird sie mit dem Klassenversager Pierre am Freitagnachmittag eingeschlossen – von wem auch immer.

In ihrem Stück „Die Prinzessin und der Pjer“ hat Milena Baisch die beiden Protagonisten in einen engen Raum zusammen gesperrt. Im Grips-Theater ein Grund zur Panik für Lisasophie (Alessa Kordeck) und Pierre (Roland Wolf). Was Pierre dort überhaupt verloren hat, ist zunächst unklar. Da steht auf einmal dieser pummelige Junge im Raum, zitternd zieht er ein Blatt Papier unter seinem roten Kapuzenpulli hervor. Pierre hat seine letzte Mathearbeit verhauen und will sie jetzt im Klo versenken. Dass er dabei von Lisasophie erwischt wird, die ihre Geige im Waschraum vergessen hat, ist ihm peinlich. Und dann geht auch noch plötzlich die Tür zu. Zwei Grundschulkinder, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Lisasophie, Musterschülerin und Klassenbeste, Star des Schultheaters sitzt dem Klassenversager Pierre „dem Bären“ gegenüber. Während sie Solo-Konzerte auf der Geige spielt und noch nie eine schlechte Note nach Hause gebracht hat, konnte Pierre scheinbar nie die Erwartungen seiner Eltern erfüllen – trotz Nachhilfe, Ergotherapie und Logopädie. „Ich bin ein Schulversager, niemand wird nach mir suchen“, schreit Pierre, als Lisasophie aus Versehen auch noch ihr Handy ins Klo fallen lässt.

Das Theaterdebüt der Kinderbuchautorin Milena Baisch handelt von Leistungsdruck in der Schule – und zwar aus der Perspektive von Kindern. In der Enge der Mädchentoilette wird Lisasophie plötzlich panisch, die Musterschülerin zeigt sich unsicher und verletzlich. Pierre dagegen, der davon träumt, einmal Wachleiter beim Katastrophenschutz zu werden, übernimmt die Situation kurzerhand: Mit seiner überbordenden Fantasie gelingt es ihm immer wieder, seine Mitschülerin von der ausweglosen Lage abzulenken.

Und klärt sie beiläufig darüber auf, was ihre Klassenkameraden wirklich über sie denken: So wird aus Prinzessin Lillifee im langen weißen Ballkleid mit Gold und Tüll plötzlich „Prinzessin Schleim“ – ein Spitzname, den ihr die liebsten Mitschüler verpassten. Sogar einen Smartieskuchen soll die Streberin der Klassenlehrerin gebacken haben. „Die Prinzessin und der Pjer“ schildert eindrucksvoll Gefühle und Gedanken von Kindern, die unter dem Erwartungsdruck der Eltern leiden. Ein Stück, in dem viel traurige Realität steckt.