Kino

Schwarzer Mann im Weißen Haus

Geschichte von unten: Lee Daniels Film „The Butler“ handelt von einem Diener, der für sieben Präsidenten gearbeitet hat

Als Barack Obama 2009 als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde, schrieben alle, endlich sei der erste Schwarze ins Weiße Haus gekommen. Das war natürlich Unsinn: Schwarze waren von Anfang dort gewesen. Sie waren das bis dato allerdings nur in untergeordneter, in dienender Position. Einen von ihnen wollte Barack Obama denn auch, stellvertretend für alle, empfangen. Die Wahl traf auf einen, der von 1957 bis 1986 bedient hat. Diesen Fall hat Lee Daniels, der schwarze Filmemacher, der vor drei Jahren für seinen Überraschungserfolg „Precious“ zwei Oscars gewonnen hat, in seinem neuen Film „Der Butler“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, nun – sehr frei – verfilmt. Als exemplarische amerikanische Geschichte. Als Historie von unten oder, wenn man so will, von hinten. Der Mann, der hinter den First Men der Nation stand. Mit weißen Handschuhen und Silbertablett.

First Man auf der Klobrille

Sieben Präsidenten kommen und gehen. Und sind durchweg prominent besetzt. Robin Williams gibt einen ziemlich gutmütigen Roosevelt, „X Men“-Star James Marsden einen eher blassen Kennedy, Liev Schreiber gibt als Lyndon B. Johnson seine Anweisungen auch noch mit heruntergelassener Hose auf dem Klo, John Cusack brilliert als aasiger, windiger Nixon und Jane Fonda als Nancy Reagan lässt Alan Rickman als Ronald Reagen verblassen. Am schlimmsten aber trifft es Gerald Ford und Jimmy Carter: Die kommen gar nicht vor, die darf kein Star spielen. Das ist wohl das Schlimmste, was man ihnen antun kann.

Wer sich nun aber über einen ironischen Seiten- bzw. Schulterblick auf die präsidialen Herren freut, der könnte enttäuscht werden. Denn trotz der Top-Besetzung bleiben die Staatsführer kleine Nebenrollen, die nur für wenige Augenblicke zu sehen sind. Das Zentrum bildet die Titelfigur. Die Geschichte beginnt denn auch nicht in der Pennsylvania Avenue 1600 in Washington DC., sondern in den Südstaaten, auf einem Baumwollfeld in den zwanziger Jahren. Da wird die Mutter des jungen Cecil brutal vom weißen Farmerssohn vergewaltigt, und als sein Vater, auf sein Insistieren hin, auch nur wagt, die Stimme zu erheben, wird er wortlos niedergeschossen. Wie zur Wiedergutmachung, oder auch zum Hohn, wird der Junge daraufhin vom Feld genommen und zum „Hausnigger“ erzogen: um nun dem Mörder seines Vaters das Wasser zu reichen. Und den Tee.

Der Junge wird ausreißen und sein Glück im Norden versuchen. Aber nie wieder wird er es wagen, sich einem Weißen zu widersetzen. Er hat gelernt, sich im Raum wie ein Stück Möbel zu verhalten. Da sein, ohne aufzufallen. Ohne für die anderen zu existieren. Er wird es damit ziemlich weit bringen, bis ins Weiße Haus eben. Aber er wird seine Haltung nie ändern. Sehr wohl aber tun das seine Söhne. Der Älteste will die Zustände nicht länger hinnehmen und engagiert sich in der Bürgerrechtsbewegung, wird dafür wiederholt verhaftet und eingesperrt und von seinem Vater zur Rede gestellt. Als er nach der Ermordung Martin Luther Kings der Black-Panther-Bewegung beitritt, kommt es gar zum Bruch mit dem Vater. Der Jüngere, der wie zum Trotz nicht gegen, sondern für sein Land kämpfen will, wird in Vietnam fallen. Die ganze Weltgeschichte oder doch die der USA scheint sich an dieser Kleinfamilie abzuarbeiten, wie einst bei Forrest Gump. Nur dass das Leben hier keine Pralinenschachtel ist.

Es ist dies eine dezidiert schwarze Sicht auf die Geschichte, was zuweilen ungewohnt neue Perspektiven ermöglicht. So zeigt sich etwa, dass ausgerechnet John F. Kennedy die Dimension des Rassenwahns erst allmählich aufgeht, Ronald Reagan dagegen der erste Machthaber ist, der die ungerechte, deutlich schlechtere Besoldung des farbigen Personals im Weißen Haus beendet (auch wenn er das Apartheid-System in Südafrika gleichwohl gegen alle Kritik unterstützt). Die Bedeutung der Präsidenten, ihre ganze Politik schnurrt, in dieser Perspektive durchaus verständlich, auf die einzige Frage zusammen, welche Position sie in der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung eingenommen haben.

Gewertet aber, und das ist eine Stärke dieses Films, werden sie nicht. Der Butler serviert. Und schweigt. Er antwortet nur, wenn er explizit gefragt wird. Und kann dann schon einmal durch Verweise auf seine Lebensumstände einen neuen Blick, zaghafte Impulse ermöglichen. Aber das kommt selten genug vor. Es ist schon skurril, wie die Machthaber des Landes über die Rechte für Schwarze streiten und sich dabei von ihnen bedienen lassen, ohne sie wahrzunehmen.

Besetzungscoup Oprah Winfrey

Den Verlauf der Geschichte ermessen wir mehr an eben diesen Lebensumständen des Cecil Gaines, der sich, eben noch gejagt, bald ein eigenes Haus für seine Familie einrichten und später seinen Ältesten zum Studieren schicken kann. Die wahren Pfunde in Lee Daniels wunderbar anderer Geschichtslektion sind denn auch nicht die großen Männer am Schreibtisch im Oval Office. Sondern die in der zweiten Reihe.

Auch sie sind prominent besetzt, von Lenny Kravitz über Mariah Carey und Cuba Gooding Jr. bis hin zu Oprah Winfrey als Gattin des Butlers. Letzteres ist ein echter Besetzungscoup, hat die Talkshow-Queen doch einst, unvergessen, mit Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ auch als Schauspielerin überzeugt, sich seither aber nur noch für wenige Gastauftritte auf der Leinwand gezeigt. Allen voran aber ist da Forest Whitaker zu nennen, der als Titelfigur mit seinem immer ein wenig hängenden Augenlid geradezu zum Inbegriff des geschundenen schwarzen Mannes wird und seiner Figur eine große innere Würde verleiht.

Fraglos überlegt man sich, wie der Film wohl ausgefallen wäre, hätte ihn ein Spike Lee oder ein John Singleton gedreht: schwarze Regisseure, die einen deutlich aggressiveren, kämpferischen Tonfall angeschlagen hätten. Es ist aber gerade das große Verdienst von Lee Daniels Film, das ihm wie seinem Vorgänger „Precious“ ein pädagogischer Grundgedanke inne wohnt und er in kleinen Gesten andeutet, wie sich das Denken der Menschen und damit die Geschichte ändert. Schade nur, dass „Der Butler“ zuletzt im „Yes, we can“-Wahlslogan des echten Obama gipfelt. In der Dramaturgie des Filmes mag das Sinn machen. Was hier aber als weit übergreifende Geschichtsschau angelegt ist, gerinnt am Ende doch zu schlichter Propaganda.