Performance

Im Wohnzimmer des Westens

Ein Heidenspaß: Gob Squad dreht mit Zuschauern ein erstaunliches Video

Was machen wir hier eigentlich? In einem Wohnzimmer „irgendwo im westlichsten Winkel der westlichen Welt“ mit diesen fremden Leuten? Was machen wir hier eigentlich, auf diesem komischen Planeten? Das britisch-deutsche Performance-Kollektiv Gob Squad sucht Antworten in einem stinknormalen Homevideo. Ein YouTube-Zufallsfund, knapp drei Minuten lang, aufgenommen in der Nähe von Santa Barbara: Man futtert Kuchen, Oma tanzt ein bisschen, ein Mädchen fingert an ihrem Handy, jemand singt Karaoke, „California Dreaming“.

Das wahrscheinlich normalste Familienfeiervideo der Welt, doch die Gob-Squad-Performer behaupten: „Wir haben in diesen drei Minuten unser ganzes Leben erkannt.“

Die meinen das ernst und deshalb startet ihr tollkühnes interaktives Familienporträt namens „Western Society“ im HAU 2 exakt eine Milliarde Jahre vor Christus. Mit einem hinreißenden akustischen Schnelldurchlauf bis in unsere Tage, den die zunächst nackten Performer nutzen, um sich in allerlei Glitzer-Fummel zu wurschteln und mit ein paar Wohlstandsgesellschaftsinsignien zu bewaffnen. Leinwand davor und dann erstmal: Video nachspielen. Zwischendurch Entscheidungsfragen als Gesellschaftsspiel. Zum Beispiel „Cake or Quiche?“, schwerer schon „Syria or Israel?“ Überall so viele Möglichkeiten, sind ja komplexe Zeiten, in denen wir leben.

Da muss man schon mal Farbe bekennen. Auch als Zuschauer. Sieben von uns, rein zufällig ausgewählt, bekommen jetzt exklusiven Zugang ins Wohnzimmer des Westens. Sie hören über Kopfhörer fortan Stimmen, die sie im Setting dirigieren, ihre Handlungen und Bewegungen koordinieren und mit ihren Texten versorgen. Hatten die Performer zunächst nur ein fremdes Familienfest geklaut, so mopsen sie jetzt auch den Zuschauern ihre Identität, versehen sie für ihre eigenen Zwecke mit neuen Zuschreibungen. Da quetscht sich eine neben den jungen Mann aufs Sofa und tut so, als sei der ihr dementer Vater. Ein anderer platzt ins Fest in der Annahme, hier steige die zukünftige WG-Party seiner Tochter und einer der Gäste könnte mal sein Schwiegersohn werden. Wir sind auf der nächsthöheren Meta-Ebene des Abends angekommen, in der die Dekonstruktion von Realität der Konstruktion von Fiktion (als vorgestellte Gegenwart und Zukunft) dient. Zugegeben, das ist alles etwas verwirrend und in der Tat nicht immer ganz bis zum Ende ausgeführt. Sehr plötzlich ist jemand zum Beispiel ganz furchtbar einsam, doch außer, dass alles in unserer Gesellschaft irgendwie zunehmend unübersichtlicher wird und dass die Party ohnehin immer weiter geht, werden wenig Bögen gespannt.

Aber es ist dennoch gleichermaßen absolut faszinierend, mit welcher Finesse Gob Squad die realen Bilder dieser Wohnzimmergesellschaft erst zerpflückt und dann wieder neu zusammenpuzzelt. Das hat eine Magie, der man sich schwer entziehen kann und ist vor allem ein Heidenspaß, was nicht zuletzt an den sieben Zuschauerperformern liegt, die sich erstaunlich geschmeidig in das Wohnzimmersetting einfügen. Und wie sie da am Ende alle vor der Leinwand stehen und sich in ihrem fremden Leben noch mal in Slow Motion vorbei ziehen sehen, da sieht der ganze Meta-Zauber tatsächlich erstaunlich normal aus. Und geradezu erschreckend real. Dieses Video, so steht‘s im Abspann, gibt es übrigens bald im Internet.

HAU2, Hallesches Ufer 21, Kreuzberg. Heute: 20 Uhr