Interview

„Ich will nicht als Miss Marple enden“

Nach 17 Jahren Leinwand-Abstinenz kommt Ulrike Folkerts jetzt gleich doppelt ins Kino. Und will nicht auf den „Tatort“ reduziert werden

Als „Tatort“-Kommissarin kennt sie jeder. Seit Oktober 1989 ermittelt Ulrike Folkerts als Lena Odenthal und wird demnächst auch Horst Tappert als längst amtierenden deutschen TV-Kommissar ablösen. Im deutschen Kino dagegen war die heute 52-Jährige lange nicht zu sehen. Seit „Nur über meine Leiche“ (1996) hat sie nur eine Gastrolle im Berlin-Trash „Mutti - Der Film“ übernommen, und auch das ist schon zehn Jahre her. Jetzt aber startet sie durch: Innerhalb von acht Tagen laufen gleich zwei Filme mit ihr an. Seit Donnerstag läuft „Global Players - Wo wir sind, isch vorne“, nächste Woche folgt die Juli-Zeh-Verfilmung „Spieltrieb“. Peter Zander hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Frau Folkerts, im Kino waren Sie seit Jahren abstinent. Jetzt laufen gleich zwei Filme mit Ihnen an. Ist das Ihr verspäteter Durchstoß auf die große Leinwand?

Ulrike Folkerts:

Schau’n wir mal. Ich freue mich jedenfalls wahnsinnig. Denn ich habe schon länger große Lust verspürt, wieder einmal Kino zu machen. Im Gespräch mit Kollegen stelle ich immer wieder fest, wenn man Theater spielt, darf man nicht Fernsehen machen, und wenn man Fernsehen macht, darf man nicht Kino machen. Es gibt ja einige wenige, die es doch schaffen. Aber den meisten gelingt das nicht. Umso größer ist die Freude, dass sich jetzt doch eine Tür geöffnet hat. Das soll mal ruhig so weiter gehen.

Hören wir da ein Bedauern heraus, dass das Kino nicht längst schon bei Ihnen angeklopft hat?

Na ja. Man überlegt ja immer, woran das liegen könnte. Liegt es an einem selbst, liegt es an der Struktur dieser Branche? Ich schiebe es immer ein bisschen auf die Branche. Ich wüsste jedenfalls nicht, was ich anders machen sollte. Ich drehe zwei „Tatorte“ im Jahr, das sind zwei mal fünf Wochen. Ich habe also viel Zeit, anderes zu machen. Und ich möchte auch viel machen. Das müsste ich vielleicht ein bisschen mehr kommunizieren.

Stecken Sie als „Tatort“-Kommissarin in einer Schublade fest?

Auf jeden Fall. Ich habe ja auch viel dafür getan, dass das so ist. Ich habe in einigen Jahren drei, in einem sogar vier „Tatort“-Folgen gedreht, da geht dann kaum noch anderes. Dann machst du das 10, 20 Jahre – natürlich bist du da komplett mit der Rolle verbandelt, und das Publikum nimmt das auch so wahr. Das wir uns nicht falsch verstehen: Ich wollte nie mit dem „Tatort“ aufhören. Es ist ein geiles Format, für gute Stoffe, gute Themen, gute Bücher. Das ist ja sonst nicht immer so. Es ist einfach so, dass ich mich als Schauspielerin verstanden wissen möchte und nicht Folkerts = Kommissarin.

Sie sind bereits die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin. Sie werden in naher Zukunft sogar Horst Tappert als längst amtierender Ermittler im deutschen Fernsehen ablösen.

Oh Gott, wirklich? „Der Alte“ war nicht länger dran?

Nein, da hat der Darsteller ja gewechselt. Wie wappnen Sie sich für diesen Rekord?

Das klingt so fossil-artig ... Es ist erst mal sehr schön, dass das einer Frau passieren kann. Dann ist „Tatort“ Kult. Und ich rechne mir das auch ein wenig zugute, dass heute „Tatort“-Kommissarinnen zuhauf über den Bildschirm laufen. Vor mir waren das nur Nicole Heesters und Karin Anselm, ich glaube, ich habe da noch eine neue Plattform für große Frauenrollen im Fernsehen geschaffen. Ich bin auch stolz darauf, in so eine Männerdomäne eingebrochen zu sein. Das sind alles Geschenke. Deshalb bin ich mir überhaupt nicht zu schade dafür, dienstälteste Kommissarin zu sein.

Iris Berben tritt gerade als „Rosa Roth“ zurück. Haben Sie auch schon mal darüber nachgedacht?

Ich habe das Gefühl, das fängt doch gerade erst an. Ich habe jedenfalls noch so einen Elan. Aber ich will nicht als Miss Marple enden, keine Sorge, solange werde ich es nicht machen. Ich hoffe, ich weiß, wann ich aufhören muss.

War das anfangs schwierig für Sie, sich als Kommissarin durchzusetzen?

Und ob. Damals dachte man noch, eine Frau im Krimi wird nicht angenommen. Meine Vorgängerinnen hat das wohl auch ziemlich frustriert. Ich hatte dagegen das Glück, dass ich noch relativ unbekannt und so eine burschikose Figur sein durfte. Ich durfte rennen, schießen und prügeln. Das war mir damals noch nicht so klar, aber das war wohl neu.

Und brachte Ihnen gleich Popularität.

Naja. Nicht gleich. Ich habe anfangs ja auch nur einen „Tatort“ pro Jahr gedreht. Da habe ich zwischendrin auch noch in der Kneipe gearbeitet, hier in Berlin.

Tatsächlich?

Klar, das hat finanziell nicht gereicht anfangs. Alle sagten, jetzt machst Du Karriere, aber außer „Tatort“ war tote Hose.

In welchen Kneipen war das denn?

Oje, das ist ja schon so lange her. Die gibt es alle gar nicht mehr. Halt so Bars, wo man von abends zehn bis morgens vier stand. Um Geld zu verdienen. Und auch, um in Berlin anzukommen. Ich bin damals ja gerade erst hergezogen.

Sie haben vor zwei Jahren ihren 50. gefeiert. Früher hieß es, Rollen für ältere Frauen werden rar. Stimmt das heute noch?

Schon, ja. Vor drei Jahren hatte ich so eine Phase, da habe ich den „Tatort“ auf zwei Folgen im Jahr reduziert. Und gedacht, da kommt auch was anderes. Da kam dann aber ein halbes Jahr gar nichts. Dafür liebe ich den „Tatort“: Ich habe die kleine Sicherheit, dass ich nicht ganz rausfalle aus dem System. Aber wenn das passiert, geraten viele, auch ich, in eine persönliche Krise. Und bei den Frauen denkt man dann oft: Ist man zu alt? Wir waren ja noch geburtenstarke Jahrgänge, das Publikum, das uns sehen will, muss es ja eigentlich geben.

In „Global Player“ spielen Sie nun eine Tochter, in „Spieltrieb“ eine Mutter. Klingt nach perfekt austarierter Karriereplanung.

Ja, das könnte man so sehen. War aber wohl doch eher Zufall.

Mutter, Tochter, da liegt die Frage nahe: Sind Sie auch privat ein Familienmensch?

Ja, unbedingt. Ich habe auch einen guten Kontakt zu meiner Mutter, zu meinem Vater und seiner Frau. Und es gibt ja auch Ersatzfamilien. Ich bin auch in der Familie meiner Freundin fest verankert und nehme meinen Tanten-Job sehr ernst. Nur Weihnachten muss ich nicht unbedingt mit allen unter einem Baum sitzen. Das spare ich mir lieber.

Kriegen Sie da auch mal Kritik zu hören, sonntags nach dem „Tatort“?

Ja, schon. Meine Mutter sagt mir klar, ob es ihr gefallen hat oder nicht. Aber sie darf das. Sie hat mich immer unterstützt, hat an mich geglaubt und mir nie Steine in den Weg gelegt. Sie tut sich nur manchmal mit den Medien schwer. Wenn die Presse komische Sachen schreibt, wenn eine ganz bestimmte Presse mal wieder eine Schlagzeile serviert, dann muss ich sie vorwarnen. Sie weiß aber inzwischen, wie ich dazu stehe und wie solche Schlagzeilen entstehen können. Und prinzipiell ist sie ganz stolz auf mich.

Haben Sie je selbst überlegt, Mutter zu werden? Kinder zu haben?

Naja, ich bin jetzt 52, dafür wäre es dann wohl doch zu spät.

Aber früher vielleicht?

Klar. Und es gäbe ja auch andere Möglichkeiten. Aber ich bin mit dem Thema durch. Ich kenne Freundinnen, die zusammen leben und unbedingt Kinder haben wollten. Aber meine Freundin und ich, wir haben einen „Stall“ voller Nichten und Neffen. Wir haben einen Verein für benachteiligte Kinder gegründet. Das hält uns ausreichend auf Trab.

Die Politik ist jetzt endlich so weit, dass Lesben und Schwule heiraten dürfen. Müssten Sie das jetzt auch tun, um Flagge zu zeigen?

Nö, ich würde nicht heiraten, nur um der Gesellschaft was zu zeigen. Auch nicht, weil das vielleicht finanziell interessant sein könnte. Wir reden schon darüber. Aber ich hadere noch ein wenig damit, dann so statistisch erfasst zu sein.

Sind Sie es ein wenig Leid, immer die Vorzeige-Lesbe zu sein?

Ja. Das könnten jetzt echt mal die Jüngeren machen.