Klassikkritik

Hilary Hahn lässt ihre Geige unendlich seufzen

Faszinierend ihre aparte Erscheinung. Faszinierend die mühelose Perfektion ihres Spiels. Hilary Hahn, die Kindfrau mit dem zeitlos seriösen Geigenton, dem schnellen engen Vibrato, der innig bohrenden Artikulation.

Wenn sie pausiert, schaut sie sich im Orchester um, zeichnet mit ernstem Nicken die Einsätze der Musiker nach. Nur manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Wenn die Oboen einen kleinen Scherz machen. Die Streicher anzüglich miteinander flirten. Nach getaner Arbeit schaut Hilary Hahn verschmitzt und allerliebst ins Publikum. Raunt dem Dirigenten ein anerkennendes Bravo zu. Teilt die gelben Rosen ihres Blumenstraußes mit dem Orchester. Ihr Dress: ein echter Hingucker. Goldglitzerndes Oberteil, schwarzgrau geplustertes Federkleid.

Große Leidenschaft entfacht Hilary Hahn in Mozarts G-Dur-Violinkonzert KV 216 nicht. Stattdessen dringt ihr Ton klar und wach ins Allegro hinein. Sorgt für Koffeinschübe bei Orchester und Zuhörern. Im langsamen Satz herrscht herbe Süße. Sehr energisch, fast derbe dann das Schlussrondo. Nach der Pause kommt Hilary Hahn mit ihrem Paradestück wieder. „The Lark Ascending“, Ralph Vaughan Williams’ bekannte Romanze über eine Lerche, die mit ihrem betörenden Singsang Luft und Erde zum Schwingen bringt. Hilary Hahn wird elegisch, lässt ihr Instrument unendlich lange seufzen. Das Orchester schmiegt sich weich an die Solistin heran.

Verblüffend, wie wandlungsfähig die Camerata Salzburg an diesem Abend wirkt. Behaglich streckt sie sich in Enescus frühen Intermezzi op. 12 für Streichorchester aus. Widerborstig wird sie im Mozart-Violinkonzert, gedämpft im Vaughan Williams. Und dann: Eine erfrischend raue, rüpelige Jupiter-Sinfonie von Mozart bricht hervor. In furioser historischer Aufführungspraxis-Manier toben die Musiker durch den Großen Saal des Konzerthauses. Permanent angestachelt von ihrem Chef, dem jovialen Louis Langrée. So anti-majestätisch hört man das große Fugato-Finale selten.