Klassikkritik

Reinhard Goebels vollblütiges Debüt bei den Philhamonikern

Das fängt ja gut an. Pures Chaos auf der Bühne. Ein markerschütternder Cluster fegt durch den Saal. Fast wie bei Neutöner Ligeti. Spektakulär diese Begrüßung zu einem Philharmoniker-Abend im historisch informierten Gewand.

Kaum zu glauben, dass dieser krasse dissonante Akkord aus dem Jahre 1737 stammt. Ein Akkord, bei dem sich alle Töne der d-Moll-Tonleiter heftig umschlingen. Ein Akkord, der die Pforte zu Jean-Féry Rebels „Les eléments“ aufreißt, einem Sturm-und-Drang-Werk mit Prolog und vier Akten. Luft, Wasser, Feuer und Erde – lautmalerisch und theatralisch in Musik gesetzt. Doch vor allem: getanzt. Die Philharmoniker werden von Reinhard Goebel angetrieben, dem Alte-Musik-Spezialisten. Dem Gründungsvater der Musica Antiqua Köln. Dem Geiger, der in den 90er Jahren für Schlagzeilen sorgte, als er nach einer Lähmung seiner linken Hand das Geigenspiel mit rechts ganz neu erlernte. Nun sein spätes Philharmoniker-Debüt. Im feierlichen Frack, mit roter Fliege und roter Schärpe. Das Adrenalin pumpt durch seinen Körper. Goebels taktierende Bewegungen steigern sich bisweilen zu leidenschaftlichem Fuchteln.

Und die Philharmoniker, sie sind an diesem Abend kaum wiederzuerkennen: vibratolos offensive Streicher, raue brummende Bässe, gerade gewachsene Bläser. Nach Rebels „Elements“-Suite setzt das große Wandern ein. Denn Mozarts nobles D-Dur-Notturno KV 286 verlangt vier getrennte Orchester. Die Philharmoniker teilen sich auf. Postieren sich an ungewohnten Orten. Sorgen für nette räumliche Effekte. Erstaunlich, dass sie nach der Pause dem Komponisten Christian Cannabich eine Chance geben. Der gilt als mittelprächtiger Vertreter der Mannheimer Schule. Cannabichs C-Dur-Sinfonie für zwei Orchestergruppen bleibt trotz philharmonischer Luxusverpackung für heutige Ohren uninteressant. Ein herzlicher Dank an Goebel – mit der Suite zur Oper „Amadis de Gaule“ hat er ein echtes Fundstück aus den Archiven gezogen.