Belletristik

Paulo Coelhos dicker Balsam für unsere Seele

Es gab da mal diesen Fernsehpfarrer mit der Talkshow am Nachmittag. War das Seelsorge oder Scharlatanerie? Verwandte Gefühle, wenn man ein Buch von Paulo Coelho liest.

Denn die Weisheiten warten immer schon: „Das, was wir suchen, sucht immer auch uns.“ Im Roman „Aleph“ begibt sich ein Schriftsteller, der Coelho sein könnte, auf Lesereise. Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland. Er signiert Bücher für Fans. Mit an Bord: eine Stalkerin – oder ein Groupie? Hilal, die junge Geigerin. In ihrem Metier genial, weil sie als Kind missbraucht wurde. Jetzt sucht sie Heil beim Meister. Nicht Sex. Balsam für die Seele. Balsame sind wortwörtlich übrigens sirupartige Sekrete des Balsambaums.

Wer glaubt, er könne literarischen Durst mit Coelho löschen, greift zur Sirup-Flasche. Wer sich besinnt, was er da trinkt, würgt am Metaphernstrom: klebrig wie Baumharz. „In der Ferne kräht ein Hahn. Das ist ein Zeichen.“ Alles bei Coelho ist zeichenhaft. Nicht spannend wie in den Thrillern von Dan Brown. Nicht gelehrt wie in den Schmökern von Umberto Eco. Immer nur angesagt zeichenhaft wie das „Aleph“ selbst. Der Moment, der Einblicke ins frühere Leben ermöglicht, das sind bei Coelho die Schleusen zwischen zwei Waggons: „Türen, die sich für den Bruchteil einer Sekunde öffnen und den Blick freigeben auf das, was dahinter liegt.“ Im Beschwören ist Coelho Weltmeister seiner Klasse. Mit „Aleph“ hat er Hesses „Stufen“ in Bahnschwellen übersetzt: „Das Leben ist der Zug, nicht der Bahnhof.“ Wo war noch mal die Notbremse?

Paulo Coelho: Aleph, Diogenes, 310 Seiten, 19,95 Euro