Roman

Ein Sänger streift durch hundert Jahre Leben

Das literarische Szenario ist nicht neu: Ein sehr alter Mensch erinnert sich an all das Vergangene, was ihm im Leben widerfahren ist.

Und da er nicht mehr fähig ist, seine Erinnerungen genau zu strukturieren, überlagern sich Szenen aus seinem Leben, werden in mehreren Varianten ins Gedächtnis gerufen, der Bewusstseinsstrom wird immer wieder unterbrochen, mäandert vor sich hin, stockt manchmal und fließt dann wieder abrupt weiter.

Diese fragmentarische Erinnerungsarbeit eines langsam verlöschenden Gehirns versucht der 1944 geborene brasilianische Autor Chico Buarque in seinem Roman „Vergossene Milch“ nachzubilden. Buarque, einer der populärsten Sänger und Komponisten der música popular brasileira, der über dreihundert Lieder geschrieben, aber auch Theaterstücke und Romane verfasst hat, gibt einem Hundertjährigen eine Stimme. Dieser Ich-Erzähler namens Eulálio d'Assumpção fantasiert und assoziiert in kurzen, absatzlosen Kapiteln seine Geschichte herbei, die er jemanden an seinem Bett, das wohl in einem ziemlich heruntergekommenen Krankenhaus steht, anvertraut. Doch die Unschärfe seiner Geschichte wird schon an diesem Punkt deutlich. Sitzt wirklich jemand an seinem Bett? Eine junge Krankenschwester? Oder vielleicht doch die Tochter, die schon auf die Achtzig zugeht? Oder die Enkelin? Oder die Urenkelin? Oder, was am wahrscheinlichsten anmutet: niemand? Jedenfalls versucht Eulálio seine Geschichte noch einmal zu fassen, die Geschichte seines ganz persönlichen Jahrhunderts, in dem sich zugleich die Geschichte seines Landes im 20. Jahrhundert spiegelt. Buarque lässt sich ganz entschieden auf die subjektive Perspektive des verwirrten Ich-Erzählers ein mit seinen Erinnerungsbrüchen.

Chico Buarque: Vergossene Milch, S. Fischer, 208 Seiten, 19,99 Euro