Geschichte

Eine traurige, dennoch farbenfrohe Reise durch Brasilien

Wie hat Brasilien es fertiggebracht, sich binnen zweier Jahrzehnte zu einem Land zu mausern, das in der ersten Liga der Industrienationen zu spielen beginnt?

Diese zunächst rein ökonomische Frage führt die Münchner Historikerin Prutsch und den Bamberger Romanisten Rodrigues-Moura zur Frage nach den Bedingungen des brasilianischen Selbstbewusstseins. Und damit mitten hinein in eine schlingernde, zwischen Optimismus und kollektiver Trauer hin- und hergeworfene fünfhundertjährige Kulturgeschichte.

Also in die Literatur- und Kunstgeschichte, die Geschichte des Tanzes, des Fußballs und des Motorsports, des Kinos, der Werbung, der Musik und der Religionen, der Bildung, der Industrien und der Wissenschaft, nicht zu vergessen die Geschichte der Telenovelas. Die Autoren haben sich einiges vorgenommen.

Sie beginnen im Jahr 1498 mit der Ankunft portugiesischer Seefahrer und entschuldigen sich für diesen „sehr klassischen“ Einstieg damit, angesichts einer mindestens dreißigtausendjährigen Siedlungsgeschichte nicht auf anthropologischem Gebiet wildern zu wollen. Klug gewählt ist der Zeitraum jedenfalls, ist das Thema des Buches doch offenbar (wenn auch nicht explizit) das In- und Gegeneinander von Fremd- und Selbstzuschreibungen.

Kaum waren die ersten Europäer gelandet, war mit dem Kannibalen hierfür eine geniale Generalmetapher gefunden: Mit ihm ließen sich Ängste schüren und Landnahmen rechtfertigen, bis heute lassen sich die Integrationsprozesse in ihrer ganzen Zweischneidigkeit so erfassen. Die Kulturgeschichte Brasiliens ist eine der Verschlingungen.

Hier wird nichts verklärt. Brutalen Auslöschungen, Armut und Korruption stellt dieses Buch jedoch stets kulturelle und politische Übergänge gegenüber, die weltweit einmalig sein dürften. Das beginnt mit der „soft power“ der Jesuiten, die zunächst geschickt die Sprache der Einheimischen (Tupi) als Umgangssprache förderten, reicht über die kriegsfreie Loslösung Brasiliens von Portugal und ist mit der heutigen Umkehrung der alten Kräfteverhältnisse beider Staaten noch nicht zu Ende.

Widersprüche lassen die Autoren oft beunruhigend auf sich beruhen. Brasilien lebe „mit dem Vorurteil, keine Vorurteile zu haben“, nannte es der Soziologe Florestan Fernandes. Sozialer Aufstieg ist bis heute trotz (oder gerade wegen) einer mancherorts eingeführten Quote eine Frage der Hautfarbe. Wo immer ein europäischer Reisender staunend eine heilere Welt als die eigene zu betrachten meint, kommt der Zweifel, und dann der Zweifel am Zweifel. Das Buch ist kein kulturprogrammatisches Manifest, aber dass die Künste dieses Inund Nebeneinander von außenpolitischem Selbstbewusstsein und inneren Selbstzweifeln widerspiegeln und beeinflussen werden, daran lassen die Autoren keinen Zweifel. Brasiliens Kultur sei zwar durch eine Reihe von Symbolen geprägt, ihre Vielfalt habe jedoch nicht „in eine kulturelle Einheit gezwungen“ werden können.

Ursula Prutsch, Enrique Rodrigues-Moura: Brasilien. Eine Kulturgeschichte. Transcript, 264 Seiten, 24, 80 Euro.