Geschichte

Lächle, Genosse, der Fotograf kommt

Wie der Bildband „Farbe für die Republik“ den Alltag der DDR zeigt – und ihre Inszenierung

„Der Sozialismus wird so reich,/ so stark und so schön,/ wie wir ihn bauen!“, ist im Hintergrund an den Balkonen eines Neubau-Hochhauses zu lesen. Davor drapieren sich fünf Junge Pioniere lachend und scherzend um ein Straßenverkehrsschild: Vorfahrt gewähren. Martin Schmidt hat dieses Bild im August 1964 in Karl-Marx-Stadt aufgenommen. Es ist eines von Hunderten. Doch bleibt es hängen. Als Quasi-Botschaft: „Die DDR sieht so reich, so stark und so schön aus, wie wir sie fotografieren.“

„Farbe für die Republik“ ist ein Buch, das provoziert. Es nimmt einen gefangen. Es fasziniert, macht neugierig, schafft Ablehnung. Und auch Erinnerung. Die Fotos von Martin Schmidt und Kurt Schwarzer sind Dokumente der Zeitgeschichte. Sie können helfen, das Leben in der DDR zu verstehen. Die DDR in Farbe. Gab es das überhaupt? War dieses Land nicht trist und grau? Kann man der Farbe trauen? Man merkt es den Fotos an: Es sind Fotografen, die im Auftrag unterwegs waren. Ihr Blick stand unter einem Motto: Der Sozialismus hat schön zu sein. In den Fotos wird Alltag inszeniert, und das, eher die Ausnahme in der technikklammen DDR, bitte in Farbe.

Beim Blättern durch das Buch gehen jemandem, der selbst ein Kind der DDR ist, viele Gedanken durch den Kopf. Szene um Szene wächst die Erinnerung. Da sitzt eine fröhliche Brigade im Büro und berät. Kinder spielen lachend vorm Plattenbau. Frauen schrauben konzentriert an der Werkbank. Es ist schwer, sich der nostalgischen Wirkung dieser Bilder zu entziehen. 17 Millionen Menschen lebten zuletzt in der DDR. Sie alle haben dieses Leben so gekannt.

Haben sie es wirklich so gekannt? Was zeigen diese Bilder – die Realität? Die Inszenierung? Die politische Version von DDR-Leben? Schnappschüsse des sozialistischen Alltags? Hier und da dokumentieren diese Fotos auch den Versuch, es dem wirtschaftlich erfolgreicheren Westdeutschland gleichzutun. Zumindest auf dem Foto sollte es genauso aussehen wie drüben. „Überholen, ohne einzuholen“, kommt mir in den Sinn. Die Parole, die die Partei ausgab und mit der am Westen vorbeigezogen werden sollte, nur eben besser, anders, weil man ihn angeblich nicht einholen wollte, den westlichen Vorsprung. Ewig unerfüllter Traum der DDR. Diese Fotos – viele aus dem Westen können sie wohl nur mit einem amüsierten Lächeln quittieren. Der Versuch ist erkennbar, das Resultat bescheiden.

Die Bilder sind faszinierend. Mein Kopf sagt, dass ich nicht einfach so in meinen Erinnerungen schwelgen darf. Dass ich mich nicht der Vertrautheit der Abbildung des Lebens in der DDR hingeben darf. Die Inszenierung des sozialistischen Alltags ist bei fast jedem Motiv deutlich zu spüren. Deshalb auch schwirren jede Menge Parolen durch meinen Kopf, nicht nur, weil sie auch oft im Hintergrund zu lesen sind. Es ist, würde man heute sagen, PR für den Sozialismus in der DDR. So haben sie uns die DDR präsentiert, die staatlich gelenkten Medien und Institutionen. So wollte die Partei, dass wir uns sehen.

Das Misstrauen gegen die Bilder, es ist groß. Aber dann gibt es die Gesichter der Menschen. Vertraut sind auch sie. Und auf bestechende Art authentisch. Man sieht ihnen förmlich an, welche Szenen im Vorfeld passiert sein müssen. Der Anruf eines Gewerkschaftsfunktionärs. „Genosse, nächste Woche kommt der Fotograf. Bereiten Sie alles vor.“ Die Aufregung über diese Auszeichnung. Die Suche nach Motiven und Mitarbeitern für die Aufnahmen. Die hektischen Telefonate mit der Parteileitung. Dann der Tag der Aufnahme. Sitzt alles?

DieGesichter sind auch Zeugnisse des Stolzes. In den Blicken die Suche nach Anerkennung für den täglichen Einsatz. Die Szenen, oft gestellt, vermitteln viel zu idealtypisch das Reißbrett der sozialistischen Gesellschaft. Habe ich je diesen Alltag so erlebt? Und doch kommt mir ein Gedanke glasklar: Wenn ich diese Bilder sehe, dann weiß ich auch, warum die Kritik an der DDR oft auf heftige Abwehr stößt. Warum die Ostalgie mehr zählt als die Aufarbeitung. Die Kritik an der DDR wird als Kritik an den Menschen verstanden, die versuchten, unter den Bedingungen der Diktatur zu leben. Was sollten sie denn anderes tun, als unter den von ihnen nicht gewählten Bedingungen ein Leben zu gestalten? Die Blicke sagen mir, sie hatten auch ihren Stolz dabei, wollten ihre Talente anerkannt wissen, haben alle ihre Fähigkeiten eingebracht.

Roland Jahn ist Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er schrieb das Vorwort zu diesem Band.

Farbe für die Republik: Fotoreportagen aus dem Alltagsleben der DDR, von Martin Schmidt und Kurt Schwarzer. Hrsg. vom Deutschen Historischen Museum. Quadriga, 304 Seiten, 29,99 Euro.