Abschied

Der Mann fürs Grobe

Auf Agententhriller spezialisiert: Bestsellerautor Tom Clancy ist mit 66 Jahren gestorben

Vor kurzem erst erschien das letzte Buch unter seinem Namen, „Ziel erfasst“. Da wird eine Hetzkampagne gegen den US-Präsidenten lanciert, während ein korrupter pakistanischer General mit einem fanatischen Terroristen paktiert, um an nukleare Sprengköpfe heranzukommen. Das sind die Stoffe, aus denen die Bücher von Tom Clancy bestanden. Auch wenn am Ende nicht überall Clancy drin war, wo Clancy drauf stand. Manche Bücher wurden unter seinem Namen verkauft, auch wenn sie aus anderer Feder stammten. Sie verkauften sich so aber mit Sicherheit besser. Clancy, der Name war wie eine Marke; er stand für einen Mix aus Spannung, Politik, Verschwörungstheorien und Geheimarbeit.

Clancy selbst hat nie gedient

Tom Clancy zählte zu den bestbezahlten Autoren der Welt. Für seinen ersten Roman bekam er gerade mal 5.000 Dollar, danach gleich einen Vertrag über vier Bände im Wert von 105 Millionen. Clancy besaß nicht nur eine eigene Fernseh-Produktionsfirma, sondern war auch Mitbesitzer eines Baseball- und eines American-Football-Teams. Nun ist der Bestsellerautor am Mittwoch im Alter von 66 Jahren gestorben. Selbst der Verlag soll nichts von der „kurzen schweren Krankheit“ gewusst haben, zu der keine Details genannt wurden. Er starb im Johns Hopkins Hospital seiner Heimatstadt Baltimore – dasselbe Krankenhaus, das so oft in seinen Büchern vorkam.

Es ist eine ironische Pointe, dass ausgerechnet er ungedient war: Tom Clancy hat nie Uniform getragen. Aber keiner schrieb wie er über Atom-U-Boote, Kampfpanzer und Flugzeugträger. Die Brille war sein Schicksal. Oder vielmehr seine starke Kurzsichtigkeit. Deshalb wurde der Sohn eines Postboten und einer Verwaltungsangestellten nicht Kommandant eines Kampfpanzers oder U-Boots, sondern Versicherungsvertreter. Bis er sich „intellektuell unterfordert“ fühlte und keine Lust mehr auf Policen hatten. Clancy war damals bereits 30, als er in die Welt der Marine abtauchte. Er verschlang Karten und Handbücher, sprach mit Experten und stellte Seeschlachten nach. Ja selbst in ersten Videospielen übte er sich in Taktik. Das Ergebnis war ein Buch über einen Sowjetkapitän, der mit seinem Atom-U-Boot zu den Amerikanern überläuft: „Jagd auf Roter Oktober“. Das Buch verkaufte sich blendend und in der anschließenden Hollywood-Produktion wollten Millionen Sean Connery und Alec Baldwin sehen. In den letzten Zügen des Kalten Krieges erzählte Clancy den Konflikt glaubwürdig, fast unblutig und vor allem sehr, sehr spannend.

Selbst Marineexperten waren erstaunt, woher der Versicherungsagent sein Wissen hatte. „Wer zum Teufel hat diese Informationen freigegeben“, soll der Marineminister damals gefragt haben. Einfache Antwort Clancys: Harte Arbeit. „Die Informationen sind ja alle da, wenn man nach ihnen sucht. Und das geheime Zeug bekommt man ganz einfach, wenn man das nicht geheime nimmt und einfach die Punkte verbindet.“ Für Clancy war es eine Flucht aus der langweiligen Realität in eine Welt, die er für viel spannender hielt: „Ich mag Schreiben“, sagte er schon 1986 in einem TV-Interview. „Man kann seine eigene kleine Welt bauen, wie als Kind mit der Eisenbahn. Aber statt Eisenbahnen habe ich Panzer und Schiffe und Flugzeuge und all dieses Zeug.“

Die Leser mochten, was der Amerikaner da schrieb. Er ließ hohe Sowjetoffiziere für die Amerikaner spionieren und schmuggelte Atombomben in die USA. Und er erfand sich, wie Ian Fleming seinen James Bond, einen eigenen Star: den CIA-Analysten Jack Ryan. Der durfte den britischen Thronfolger retten, eine Verschwörung um Drogenkartelle aufdecken, ja sogar zum Präsidenten aufsteigen. Im Kino trug der Mann gleich mehrere Gesichter: Gespielt wurde Jack Ryan von Alec Baldwin (in „Jagd auf Roter Oktober“, 1990), Harrison Ford (in „Der Tag der Patrioten“, 1992, und „Das Kartell“, 1994) und Ben Affleck (in „Der Anschlag“, 2002). Demnächst wird auch Chris Pine dazugehören: Die jüngste Clancy-Verfilmung „Jack Ryan: Shadow One“ von Kenneth Branagh, startet an Weihnachten in unseren Kinos.

Immer gewannen die Guten bei Clancy. Genau das warfen ihm seine Kritiker auch vor, dass letztlich die Handlung vorhersehbar ist und zu guter Letzt CIA oder Marines oder Weißes Haus – oder wer auch immer mit den Stars and Stripes rumfuchtelt – gewinnt. „Clancy hat eine ziemlich einfache Sicht auf die Welt“, witztelte etwa der britische Komiker Bill Bailey: „Gut gegen Böse. Letztlich gewinnt das Gute, weil es die besseren Sturmgewehre hat.“ Unumstritten war Clancy nie. Er verherrliche Waffen und Militär. In der Tat sah das lebenslange Mitglied des Waffenclubs NRA, der einen eigenen Schießstand in seinem schallgedämpften Keller nutzte, gern einfache Antworten auf komplexe Fragen: Wenn die Guten, also die USA, die Stärksten seien, müsse man sich doch um Feinheiten nicht kümmern. Kein Wunder, dass er bei den „Simpsons“ aufs Korn genommen wurde: Als eine Figur mit Clancy-Büchern verprügelt wird, sagt sie: „Das schmerzt weniger, als sie zu lesen.“ Der Autor nahm das indes mit Humor: Clancy sprach sich selbst.

Den 11. September vorhergesehen

Zu Streitkräften und Geheimdiensten hatte Clancy durch seine Romane beste Kontakte. Angeblich so gute, dass die Dienste dem Autoren schon mal vertrauliche Informationen zukommen ließen. „Es gibt Dinge, die ich weiß, die ich niemals in einem Buch veröffentlichen könnte“, sagte er. „Und die erschreckendsten Dinge sind nicht einmal geheim, es liest nur keiner.“ Dabei war Clancy nicht selten Prophet: In „Ehrenschuld“ – sieben Jahre vor dem 11. September 2001 erschienen – lässt ein – allerdings japanischer – Terrorist eine Boeing in das Kapitol in Washington stürzen, Hunderte sterben. Die Handlung habe einfach auf der Hand gelegen, sagte Clancy. Oder war es womöglich anders herum? Und die Terroristen vom 11. September hatten Clancy gelesen?

„Wenn mein Kram plötzlich Realität wird", gab Clancy zu, „ist das schon ein bisschen gruselig.“ Dabei gebe es zwischen Realität und der Fiktion eines Romanautors einen großen Unterschied: „Die Fiktion muss Sinn ergeben.“