Theater

Streiten über die Liebe

Carolin Emcke spricht mit der israelischen Soziologin Eva Illouz über die Politik der Gefühle

Komplett ausverkauft seit Tagen, Gedränge vor der Kasse der Schaubühne, vor dem Einlass gibt es Kopfhörer für die Simultanübersetzung und drinnen erwarten einen zwei Frauen, die über die Politik der Gefühle reden werden. Die vielfach ausgezeichnete Journalistin Carolin Emcke spricht mit der israelischen Soziologin Eva Illouz, die sich seit Jahren intensiv mit der Analyse der Liebe beschäftigt. Ihre Bücher „Konsum der Romantik“ und „Warum Liebe weh tut“ waren enorm erfolgreich, in diesem Jahr veröffentlichte sie „Die neue Liebesordnung“, in dem sie den Bestseller „50 Shades of Grey“ untersucht. Auch Carolin Emcke hat mit „Wie wir begehren“ ein beeindruckendes Buch über Liebe und gesellschaftliche Normen geschrieben. Zwei Frauen also, die wirklich wissen, worüber sie reden. Das Gespräch findet statt in der Reihe „Streitraum“, die Emcke einmal monatlich moderiert.

Gleich zu Beginn macht sie klar, dass der Titel „Streitraum“ ein Etikettenschwindel ist. Hier soll nicht gestritten werden, hier wollen sie auf der Bühne gemeinsam denken. Sie fragt dann auch direkt hinein in die Theorie, die Illouz seit Jahren untersucht. „Sind unsere Wünsche nicht unsere Wünsche? Wie authentisch ist unsere Emotion?“ Die Antwort darauf gleicht einer Zusammenfassung ihrer Bücher: Es gibt Rollen, Traditionen, Codes, wir werden so stark von unserem Außen bestimmt, halten uns aber für frei. Das ist der moderne Trugschluss.

„Diese Freiheit, all die Wahlmöglichkeiten“, darauf kommt Illouz immer wieder zurück, „führen zu Unsicherheit, wenn nicht gar zu Angst. Die Angst vor Beziehungen.“ Nicht nur, weil überall noch etwas Besseres, Aufregenderes, Passenderes möglich sein könnte, sondern auch, „weil wir aus dem Dialog mit uns selbst kaum noch herauskommen. Wie sehe ich mich, will ich nicht doch etwas ganz anderes? Wir verwirren uns selbst.“

Trotz allem wird die Liebe immer noch auf die klassische Weise erzählt: „Am Ende stehen die Kinder, die Ehe usw.“ Es ist sehr schön zu sehen, wie Eva Illouz dabei diese rotierende Handbewegung macht, ja ja, das Übliche halt. „Das Leiden“, sagt sie, „hält nur solange an, wie wir an dieses Ende glauben“ und kommt kurz auf „50 Shades“ zu sprechen, wo der SM-Sex nur eine Ablenkung von diesem alten Muster ist: „Sie ist arm, Jungfrau und heiratet ihren ersten Mann.“ Auf der Bühne und im Publikum ist das ein Riesenlacher. „Sie will Liebe und er will Sex.“ Ja ja. Wieder rotieren die Hände. „Doch sie ist klug und tugendhaft“, erzählt die Illouz weiter, „das ist die Karikatur einer heterosexuellen Beziehung.“ Nahezu fassungslos berichtet sie von den Werbespots, die das Buch unverhohlen als eine Masturbationsvorlage für Hausfrauen verkaufen.

Die Fragen von Carolin Emcke erfordern jedoch oft andere Antworten. Sie will über das Bekannte hinaus, manchmal scheint sie Eva Illouz besser zu verstehen als diese sich selbst. Kurzzeitig treibt sie das Gespräch in eine andere Richtung. Hin zu zwei Themen, die die deutsche Gesellschaft derzeit beschäftigen: die NSU und die Pädophilie-Debatte. „Der traurige politische Skandal ist“, sagt sie, „dass wir eine andere Vorstellung von Rassismus haben als den, der wirklich da ist. Ist es möglich, dass bekannte Emotionen wie Angst, Zweifel und Verachtung, in ihren Konventionen und Mustern dazu führen, dass wir einen blinden Fleck haben?“

„Du meinst“, fragt Eva Illouz nach, „wie bringen wir die Politik zurück in die Seele?“ Darüber muss sie nachdenken. Und so wird sie von Carolin Emcke gleich erneut eingeladen, zum letzten Termin am Ende der Spielzeit, dann unter dem Thema: Die Gefühle der Politik. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen. Das wäre zu wünschen, denn diesen Frauen beim Denken zuzuhören ist ein Ereignis.