Theater

An der Heiligen prallen alle ab

Radikal: Michael Thalheimer inszeniert „Die Jungfrau von Orleans“

Dunkel ist’s ringsum. Doch da steht sie: Die Erleuchtete. Im hellen Lichtstrahl, der aus einem kreisrunden Loch links oben im düsteren Firmament kommend die Dunkelheit durchschneidet. Johanna, die Heilige, die Jungfrau von Orleans. In ihrem blütenweißen Trägerkleidchen wirkt sie noch gleißender. Eine Marienstatue, wie in Marmor gemeißelt sieht sie aus und verhält sich auch so. Wie angewurzelt steht sie da, fast regungslos zwei Stunden lang, das Schwert in der Rechten, den Blick ins Leere gerichtet.

Alle anderen Figuren drückt Regisseur Michael Thalheimer ins Schattenreich. Nur wenn sie sich Johanna nähern, fällt von ihrem Licht auch auf sie. Fast 30 Personen verzeichnet Friedrich Schillers „Jungfrau von Orleans“. Thalheimer hat knapp die Hälfte gestrichen. Sie wirken wie Schachfiguren in einem Spiel, das nur in einer Ecke des Feldes stattfindet, verschoben von einer lenkenden Hand, die allein vom formalstrengen Regiekonzept geführt wird. Vor seinem Wechsel an die Schaubühne zeigt sich der Stücke-Skelettierer Michael Thalheimer mit seiner „Jungfrau“, die im Sommer bereits bei den Salzburger Festspielen gezeigt wurde, im Deutschen Theater noch mal von seiner radikalsten Seite.

Die Geschichte des Hirtenmädchens vom Lande, das einer göttlichen Eingebung folgend zum kriegerischen Todesengel wird und den Franzosen im 100-jährigen Krieg gegen die Engländer wundersame Schlachtfeldsiege beschert, ist bei Thalheimer totale Reduktion. Und über weite Strecken leider bloße Behauptung, was daran liegt, dass die Figuren nicht miteinander agieren, dass deklamiert und propagiert wird, am Ende aber alle nur an der von höheren Mächten Berufenen abprallen. Wer stirbt, spuckt ihr das Blut über die Schulter und selbst jener magische Moment, in dem Johanna der Liebe in Gestalt eines Engländers ins Auge blickt, in dem aus der Mörderischen die Menschliche wird, er huscht vorbei, erschüttert wenig.

Kathleen Morgeneyer aber, die erschüttert als Johanna tief. Sie kann den Abend nicht retten, weil ihre Figur in diesem Konzept schnell auserzählt ist, umso bemerkenswerter aber, mit wie viel Facetten sie sie dennoch anreichert: Sie ist unschuldiges Mädchen, religiöse Fanatikerin, Kampfamazone, ihr Blick ist stumm, leer, er ist verwundert und verwundet. Immer an der Grenze zum Wahnsinn ist Morgeneyers Johanna und dennoch so klar und so stark. Wenn ihr Zittern und Stammeln am Ende sich als dem Scheiterhaufen geschuldet andeutet, dann verweist der Regisseur den ganzen Abend noch als Deutungsmöglichkeit ins Reich des wahnhaften Traums, der Retrospektive. Das alles ist zu wenig, um wirklich erhellend zu sein. Erleuchtung ist hier allein seinem Zentralgestirn Johanna garantiert, dem Publikum spendiert er sie nicht, weshalb sich in den Schlussapplaus dann auch deutliche Buhs mischten.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 5., 6. 10., Tel. 28 441 225