Kunstsache

Meditation in den Heiligen Hallen

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Berlin erfindet sich eigentlich immer wieder neu. Künstler und Galeristen lieben diese Stadt, weil alles möglich ist, vorausgesetzt man klemmt sich dahinter. Die Umnutzung leerstehender Bauten ist angesagt. Krematorien werden zu wolkenweißen Galerien, ausgediente Metzgereien zum Off-Space, eine verlassene Kirche zur gigantischen Ausstellungshalle. So wie St. Agnes in Kreuzberg, unweit der Berlinischen Galerie gelegen. Noch ist sie nicht umgebaut, im Inneren allerdings wurde einiges freigelegt.

Der Altar ist längst weg, die Orgel auch und das Kirchenschiff zeigt sich als das, was es ist: als Architektur-Ikone. Zugegeben, nicht jeder mag den Stil. Das fensterlose Gotteshaus gilt als eines der wichtigsten Beispiele für den Beton-Brutalismus, in den Sechzigern entworfen vom ehemaligen Berliner Senatsbaudirektors Werner Düttmann. Regelmäßig meldet sich Galerist Johann König mit einer Ausstellung, quasi als Zwischenstand über die 800 Quadratmeter. Nun ist der dänische Künstler Jeppe Hein, Jahrgang 1975, dort eingezogen. Seine Spiegelinstallation „360 Illusion III“ könnte furioser kaum wirken als in diesen Heiligen Hallen. Schon 2006 entstand sie. Aber es scheint, als hätte sie nur auf St. Agnes gewartet.

Zwei monumentale, fünf Meter lange Spiegelflügel drehen sich hoch oben an der Empore um sich selbst. Allerdings sind sie nicht so monsterschwer wie sie wirken, sie bestehen aus Spiegelfolie. Das mobile Objekt nimmt die Breite, Länge und Diagonale des Kirchenraumes in „den Blick“. Selbst Emma ist platt (eigentlich ist sie ja eine absolute Beton-Hasserin). Durch die Drehung wird das Betonskelett in allen Perspektiven im Zeitlupentempo vermessen und reflektiert. Fliesen, Boden, Decke, Wände, Beton, Lichtstreifen. Hier setzt sich ein richtiges Architektur-Puzzle zusammen. Die Kirche selbst wird zum Exponat. Dabei drehen wir uns selbst mit – im Raum. Der eigene Stand-Ort ist plötzlich nicht mehr zu orten. Merkwürdiges Gefühl, findet Emma, „weil das Gotteshaus wie ein Meditationsraum wirkt“. Dazu tragen sicher auch Heins leichthändige Aquarelle im XXL-Rundformat an den Seitenwänden bei. Wir wissen nicht, ob der Künstler meditiert, jedenfalls hat er hierfür mit Farben versetzte Klangschalen in leichte Schwingungen versetzt. Auf Papier hinterlassen sie – durch den Spritzeffekt – einen wunderschönen zarten Farbreigen.

Mit Jeppe Heins Schau „you“ sollte man die letzte Gelegenheit nicht verpassen, St. Agnes noch im Originalzustand zu erleben. Im Frühjahr 2014 soll der Umbau spätestens beginnen. Dann wird der Berliner Architekt Arno Brandlhuber anfangen, das über 15 Meter hohe Kirchenschiff horizontal zu teilen, so dass unten das Lager entsteht und oben der Galerieraum – insgesamt 35 Meter lang und 12 Meter breit ist die Kirche. Bei Brandlhuber ist das Projekt in den besten Händen. Er ist Spezialist für solche minimalistischen Bauten, in der Brunnenstraße 9 in Mitte entwarf er so ein Atelier- und Galeriehaus. Er selbst hat dort sein Büro, die Galerie Kow ihr Domizil.

Und die Neueröffnung von St. Agnes? Mit Bauzeiten mag sich in Berlin niemand so recht festlegen, verständlich. Zumal der Kirchenbau unter Denkmalschutz steht, auch der Spritzbeton. Wer weiß, was aus den Tiefen des sakralen Baukörpers ans Licht dringt. In der Galerie Johann König hat man sich einen hübschen Witz parat gelegt. Zeit hätte man ja, 99 Jahre. So lange läuft nämlich der Erbpachtvertrag für St. Agnes.

St. Agnes, Alexandrinenstr. 118-121, Kreuzberg. Do – So 18–21 Uhr. Bis 20. Oktober