Roman

Mirko Bonné ist ein Anwärter auf den Deutschen Buchpreis

„Wie wir verschwinden“. Diesen Titel gab der Erzähler und Lyriker Mirko Bonné seinem 2009 erschienenen Roman, in dem er den Lebensgeschichten zweier Freunde nachspürt und die Tiefenschichten ihrer Biografien freizulegen versuchte. Auch in seinem neuen Roman „Nie mehr Nacht“ erzählt Bonné vom Verschwinden, und wieder folgt er wie ein Detektiv und Seelen-Archäologe den Fluchtwegen, Lebenslügen und Traumatisierungen seiner Protagonisten.

Am Anfang steht eine geradezu panische Flucht aus Enge, Angst und Trauer: Der Mittvierziger Markus Lee fährt mit seinem fünfzehnjährigen Neffen Jesse in den Herbstferien aus Norddeutschland in die Normandie. Lee hat den Auftrag einer Kunstzeitschrift angenommen, Brücken an der Kanalküste zu zeichnen, die nach der Landung der alliierten Truppen am 6. Juni 1944, am D-Day, zwischen Deutschen und Amerikanern heftig umkämpft waren. Doch der Zeichner interessiert sich nicht wirklich für die Brücken. Sein Denken und Fühlen ist ganz und gar besetzt von der Erinnerung an den Tod seiner Schwester Ira, die sich in der Garage ihres Hauses mit Hilfe von Autoabgasen das Leben genommen hat.

Mirkos Bonnés Roadnovel ist ein Wagnis mit durchaus gelingenden Momenten. Die wiederkehrende Schilderung des Lebens in den kleinbürgerlichen norddeutschen Verhältnissen ist beklemmend und geht dem Leser nahe. Es gibt schöne Landschaftsbeschreibungen, kurze, stille Momente der Selbstbefragung. Im Ganzen aber dehnt Bonné seine Geschichte zu stark, begibt er sich auf zu viele Nebenwege, umschreibt er die zentrale Konfliktsituation zu undeutlich und zu langwierig.

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht, Schöffling, 359 S., 19,95 Euro