Roman

Mit viel Tempo: Staffellauf durch die Apokalypse

Ein kontrolliertes Beben beim Sex ist nicht der Rede wert. Ein Koitus mit anschließender Apokalypse dagegen – das ist originell. Zumindest gerade originell genug, um noch einen weiteren Endzeitroman in den Regalen der Buchhandlungen zu rechtfertigen.

„Ostrov Mogila“ heißt dieser Flutbeitrag, geschrieben von Cordula Simon. Er beginnt mit Marina, einer jungen Frau mit zerstörerischer Libido, die eine Frustnummer mit Aleksej schiebt und dabei die Welt ins Chaos fickt. Heftige Regenfälle setzen ein, Flüsse treten über ihre Ufer, Hitzewellen bringen den Asphalt zum Schmelzen, die Erde bricht auf – das Standardprogramm.

Als Zugabe lässt die Autorin Männer zu Riesen wachsen, Teufel Menschen und ihre Gliedmaße befallen und Einhörner Frauen vergewaltigen. Damit der Leser von alledem nichts verpasst, schickt ihn die 27-Jährige im Staffellauf durch die Apokalypse: Die Protagonisten wechseln im Kapitel-Takt, Ich-Erzähler Nummer eins eröffnet das Feld für Ich-Erzähler Nummer zwei und so weiter. Dabei hat nicht nur jeder Held einen eigenen Sprachstil und eine eigene Perspektive. Gelegentlich erleben sogar zwei Charaktere dieselbe Situation auf unterschiedliche Weise.

Die Protagonisten-Switch- Struktur hat zwar ihre Reize inklusive eines aufregenden, leichten Schwindelgefühls beim Lesen, doch verhindert sie eine Nähe zu den Charakteren. Ein düsterer Ton, den Simon in ihrem zweiten Roman anschlägt, in dem sie aber auch ihre Fantasie, ihr Sprachgefühl und ihre Beobachtungsgabe unserer Gesellschaft unter Beweis stellt.

Cordula Simon: Ostrov Mogila, Picus, 240 S., 21,90 Euro