Roman

Auferstandene Tote übernehmen in Moskau die Macht

Zwar ist die russische Literatur berühmt für Ernst- und Schwerstromane, aber daneben gibt es eine reiche Tradition absurd-fantasmagorischer Komik. Viktor Jerofejews neuer Roman „Die Akimuden“ gehört dazu. Der Gedanke, den Jerofejew in den „Akimuden“ fantastisch ausarbeitet, besteht in der einfachen und alten Überlegung, dass die Zahl der Toten die der Lebenden in jedem Fall übertrifft. Was würde passieren, wenn sie wieder lebendig würden? Sie hätten, ganz selbstverständlich und übrigens auch nach traditionellen demokratischen Maßstäben, sofort die Macht. Eine solche Machtübernahme der Toten begibt sich in Jerofejews neuem Roman nun im Moskau der Gegenwart. Die Abschaffung des Todes und des Gestorbenseins ist eine Art geheimes Staatsziel der Utopie gewesen, die in Moskau das Zarenreich beerbt hatte und dort siebzig Jahre lang auf ihre weltrevolutionäre Chance wartete.

Jerofejew selbst erwähnt den russischen Philosophen Nikolai Fedorowitsch Fjodorow, der zu Beginn des Jahrhunderts die Idee einer allgemeinen säkularen Auferstehung der Toten formulierte. Jerofejews komisch-fantastischer Roman hat Tiefendimensionen, die weit in die russische Literatur- und Gedankengeschichte reichen. Zunächst und vordergründig aber ist sein Buch ein monumental angelegter artistisch-intellektueller Klamauk.

Die Toten stellen sich im Verlauf der ersten Kapitel heraus als erste Schocktruppen einer Invasion der titelgebenden Akimuden, einer Nation, von der noch nie jemand etwas gehört hat. „Verbreitet war die Ansicht, das sei ein unbedeutendes Land, über das man die Kontrolle verloren hatte, etwa so wie Georgien.“ Aber je weiter man sich in Jerofejews Roman hineinliest, desto deutlicher werden die Akimuden als Aufenthaltsort Gottes oder der Götter erkennbar. Die sich übrigens von den Menschen ernähren. „Ihr züchtet Kühe, wir züchten Menschen“, sagt die Zentralfigur des Romans, der „Botschafter“ der Akimuden.

Dieser Botschafter ist eine postmoderne Christusgestalt, deren Rolle in dem untergründigen Heilsgeschehen (das die eigentliche Handlung des Romans bildet) ihn freilich nicht davon abhält, beispielsweise mit einem Geheimagenten namens Kurojedow und dessen sehr berückender Kollegin in die Tiefen des Moskauer Nachtlebens einzutauchen. Partys wiederauferstandener Figuren der Weltliteratur werden geschildert und Botschaftsempfänge, zu denen nur Menschen eingeladen wurden, die seit Jahrtausenden nicht sterben können.

Übrigens spielt auch eine ziemlich einleuchtende Putin-Karikatur mit, der sogenannte Chef, der sich in seiner Isolation im Kreml immer wieder zu martialischer Rhetorik und imaginierten Schlägen gegen die Okkupation der Akimuden aufrafft, aus denen aber allesamt nichts wird. Der Erzähler unternimmt einen Ausflug ins Jenseits und trifft dort Stalin. „Ich bin und bleibe ein treuer Schüler Christi“, sagt der Diktator. Dann sind wir wieder in Jerofejews Biografie. „In Russland wird ständig auf irgendjemanden geschossen“, lautet der letzte Satz des Romans.

Viktor Jerofejew: Die Akimuden. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Hanser Berlin. 480 S., 24,90 Euro